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Ukrainische Flüchtlinge stranden im Bahnhof und finden spontane Helfer

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Andreas Gringel (52) aus Schwalmstadt: Der Taxifahrer kümmerte sich und brachte die Ukrainer erstmal in die Gaststätte Lokschuppen, wo sie einen warmen Platz, Getränke und Snacks gegen den Hunger bekamen. Rechts Lokschuppenmitarbeiterin Monika Völker am nächsten Tag.
Andreas Gringel (52) aus Schwalmstadt: Der Taxifahrer kümmerte sich und brachte die Ukrainer erstmal in die Gaststätte Lokschuppen, wo sie einen warmen Platz, Getränke und Snacks gegen den Hunger bekamen. Rechts Lokschuppenmitarbeiterin Monika Völker am nächsten Tag. © Anne Quehl

Auch in Schwalmstadt stranden Flüchtlinge aus der Ukraine, die nicht weiter wissen. Der Fall eines aufmerksamen Taxifahrers zeigt, wie jeder helfen kann.

Schwalmstadt – Dieser Anruf ging Taxifahrer Andreas Gringel nicht aus dem Kopf. Es war schon Abend, als jemand telefonisch bei ihm als Beschäftigtem bei Taxi Kohl in Treysa anfragte, wie viel die Fahrt vom Bahnhof Treysa bis nach Gießen in die Flüchtlingserstaufnahme kostet.

Die Strecke ist Gringel schon oft gefahren, für ein Auto 165 Euro, antwortete er. Den Auftrag bekam er nicht. Aber er war irgendwie unruhig, schaute später einfach im Bahnhof vorbei – und fand in der kalten Wartehalle eine Frau, Ukrainerin, vor, die fünf Kinder um sich hatte, eins davon ein kleines Baby. Andreas Gringel schätzt es auf ein Alter von acht Wochen. „Sie warteten auf den Frühzug nach Gießen, der gegen 5 Uhr fährt.“

Der 52-jährige Schwalmstädter war sprachlos, „das konnte doch nicht sein, die Frau allein in der Kälte über Nacht mit kleinen Kindern und einem Baby“.

Spontane Hilfe in Schwalmstadt: Flüchtlinge bekommen Essen und Trinken

Erst einmal brachte Gringel die Gruppe in die Gaststätte Lokschuppen, wo sie per Umlage von ihm, einer Mitarbeiterin und einigen letzten Gästen Kakao und Getränke spendiert bekamen, „die Kinder hatten auch Hunger und freuten sich über Chips“.

Auch zur Polizei wurde Kontakt aufgenommen. Der Beamte am Telefon habe sich überrascht gezeigt, dass ein kleiner Säugling zur Familie gehörte. Man sei informiert worden, dass Ukrainer auf der Durchreise im Bahnhof seien, bis es weitergeht. Gringel: „Der Beamte meinte, das jüngste Kind sei etwa drei Jahre alt. Das sei ihm so mitgeteilt worden.“

Dann habe sich der Polizist doch entschieden, eine Streife rauszuschicken. Währenddessen hätten sich zwei Gäste und eine Mitarbeiterin schon entschlossen, die Menschen in zwei Privatautos zu ihrem vorläufigen Ziel nach Gießen zu fahren. Das habe dann auch die Streife für das Richtige befunden. Kindersitze hätten auch in Rücksprache mit den Beamten leider kurzfristig nicht besorgt werden können.

Schwalmstadt: Wer ist der Ansprechpartner in Sachen Ukraine-Flüchtlinge?

Spät in der Nacht wurde Andreas Gringel, der Dienst hatte und nicht mitfahren konnte, noch von den Fahrern informiert, dass die Mission geglückt, die Menschen in der Gießener Unterkunft seien, sie selbst wieder in der Schwalm.

Für Gringel, der sich bei den spontanen Helfern bedankt, bleiben aber Fragen. Wie sollte man sich korrekt verhalten, wenn man auf Personen aufmerksam wird, mit denen man sich aus sprachlichen Gründen nicht austauschen kann, die jedoch in Schwierigkeiten zu sein scheinen. Muss man sich privat kümmern – oder wer ist der richtige Ansprechpartner?

Damit, die Polizei anzusprechen, hat er nichts falsch gemacht. Polizeisprecher Jens Breitenbach: „Wir leisten Hilfe, wo Hilfe erforderlich ist.“ Da Gringel und seine Bekannten bereits alles veranlasst hätten, als die Polizei vor Ort war, sei das dann nicht mehr erforderlich gewesen. Die Polizei sei tatsächlich informiert gewesen durch eine auswärtige Person: Dass die Familie in Treysa aus dem letzten Zug irrtümlich ausgestiegen war, aber in Gießen erwartet wurde.

Ukrainer in Not: Schwierige Reise durch Schwalmstadt zur Flüchtlingsunterkunft in Gießen

Auf jeden Fall habe die Polizei die Verbindungen zum Landkreis und entscheide gegebenenfalls, welche Möglichkeiten im aktuellen Sachverhalt bestehen.

Andreas Gringel ist aber weiter unsicher, wie man sich angemessen verhält und wer zuständig ist. Schon vor ein paar Tagen hatte er spät eine Ukrainerin, alleinreisend, im Taxi, die nicht mehr viel Geld hatte, nur einen Zettel, auf dem stand: „Willingshausen/Stadion“.

Polizei erwartet mehr Fälle: Freiwillige Helfer können Polizei in Schwalmstadt kontaktieren

Da er zu dem Zeitpunkt von der dortigen Notunterkunft in der Antreffhalle noch nichts wusste, brachte er die Frau schließlich für eine Nacht in ein Hotel, bis es sich klärte und sie in ihre vorgesehene Unterkunft konnte. Im Hotel habe man sie zum halben Preis beherbergt, Gringel nahm gar kein Geld von ihr an.

Auch die Polizei hält es für wahrscheinlich, dass sich nun Fälle häufen, bei denen hilfsbereite Menschen auf Ukrainer stoßen, die nicht weiterwissen. Im Zweifelsfall sei die Polizei dann Ansprechpartner Nummer eins. (Anne Quelh)

Erst kürzlich kamen 23 Frauen und Kinder aus der Ukraine nach Schwalmstadt. Die Jugendhilfe der Hephata Diakonie hat die Menschen auf ihrem Gelände aufgenommen.

Polizei kennt Ansprechpartner – Behörden übernehmen Organisation

In Fragen und Antworten klären wir auf, was im Notfall zu tun ist. Der Landkreis informierte: 

Wenn man hilfsbedürftige Flüchtlinge wahrnimmt, wen kann soll man kontaktieren?

Zuständige Behörde bei Obdachlosigkeit ist die jeweilige Kommune. In Abhängigkeit der Tageszeit kann man sich im entsprechenden Rathaus melden. Beschäftigte nehmen dann Kontakt mit der Sozialverwaltung des Landkreises auf, sodass von dort die Unterbringung der Geflüchteten organisiert werden kann. Alleinreisende Minderjährige müssen möglichst kurzfristig an das Jugendamt des Landkreises vermittelt werden, sodass von dort eine Inobhutnahme vorgenommen werden kann.

Ist in der Antreffhalle Willingshausen die offizielle Anlaufstelle? Wenn ja, kommen dort regelmäßig Durchreisende quasi per Zufall an?

Nein, das ist ein Ausnahmefall und bisher in dieser Form noch nicht vorgekommen. Willingshausen soll nicht als offene Adhoc-Unterkunft frequentiert werden, allein schon wegen der Testung auf eine mögliche Corona-Infektion. Nach Willingshausen werden die seitens des Landes dem Schwalm-Eder-Kreis zugewiesenen Geflüchteten aus der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes aufgenommen und dann in andere Unterkünfte, nach Möglichkeit in Wohnungen oder andere Gruppenunterkünfte im Landkreis weiter verlegt.

Wen kann jedermann kontaktieren, wenn er Flüchtlingen helfen will?

Grundsätzlich gibt es verschiedene Möglichkeiten. In allen Rathäusern der Schwalm-Eder-Kommunen sind Ansprechpartner benannt, die weitere Unterstützung organisieren und vermitteln können, auch zur Sozialverwaltung des Landkreises. In Ausnahmesituationen und zu ungewöhnlichen Zeiten bleibt letztlich die Information der Polizei oder eine private Unterbringung für eine Nacht. Bei der Polizei wurde inzwischen eine Adresse hinterlegt, wohin Geflüchtete in einer Ausnahmesituation gebracht werden können, um ein Bett und ein Dach über dem Kopf zu haben. Dort sind entsprechende Vorkehrungen getroffen und auch ein Sicherheitsdienst (24/7) vor Ort, um den Geflüchteten ein Zimmer zuzuweisen.

Was gilt, wenn jemand privat Geflüchtete eingeladen hat?

Wer privat Geflüchtete zu uns in den Landkreis holt, muss sich zumindest für den Beginn auch privat kümmern. Wir brauchen in der aktuellen Situation eine gewisse Struktur und Ordnung. In der Folge steht dann die Sozialverwaltung für die weitere Unterbringung als Ansprechpartner zur Verfügung. (aqu)

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