Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

Unmenschliche Bedingungen für Kriegsgefangene im Stalag Ziegenhain

Iwan Gusew beschreibt ins seinem Tagebuch die Situation der russischen Kriegsgefangenen. Foto: Repro

Schwalmstadt. Otti Schwalm und ihr Bruder Hans-Karl Haner aus Ziegenhain haben im Zweiten Weltkrieg den Durchmarsch russischer Gefangener durch den Ort beobachtet. Es sind erschütternde Erinnerungen.

Viele seien gar nicht mehr in der Lage gewesen nach den langen Transporten in offenen Güterwaggons zu laufen. Sie fielen tot um.

Am Ende sei ein Laster gefahren, auf den man die Leichen auflud. Hans-Karl Haner berichtet, er habe mit angesehen, wie die am Ziegenhainer Nordbahnhof entladenen Russen über die Steckrübenäcker herfielen und mit Gewehrkolbenhieben vom Wachpersonal weggejagt wurden.

Der französische Gefangene Albert Plessis schildert das Eintreffen des überlebenden Restes im Stammlager, kurz Stalag, IX A: „Ich habe die Russen ankommen sehen. Wir mussten in die Baracken gehen und die Fensterläden schließen. Wir durften nicht zusehen, haben aber heimlich zugeschaut. Das war ein fürchterlicher Vorbeimarsch. Die einen konnten sich noch auf den Beinen halten, hatten ihre Pelzmützen auf. Sie waren verhüllt, einige hatten statt der Schuhe einfach Stoff um die Füße. Ein paar fielen um. Einer hatte sich auf Holzstäbe gestützt. Er stürzte in den Stacheldrahtzaun und starb vermutlich dort.“

Ein anderer französischer Gefangener, Charles Mistral, erinnert sich: „Nach ihrer Ankunft im Lager Ziegenhain erhielten die russischen Gefangenen doppelte Verpflegungsrationen (Zwei Liter Suppe anstatt ein Liter). Für die unterernährten Gefangenen führte das natürlich auch zu Magenerkrankungen, Koliken, Cholera und Todesfällen. Das Essen wurde durch ein Barackenfenster ausgeteilt und unter den Essensempfängern kam es jedes Mal zu Rangeleien und Schlägereien. Diese Rangeleien entstanden auch bei den Zählappellen. Für Ordnung in den eigenen Reihen hatten russische Kommissare zu sorgen. Mit langen Knüppeln schlugen diese zu.“

Der Einzug der russischen Kriegsgefangenen ins STALAG IXA in Ziegenhain

Iwan Gusew, Jahrgang 1914, geriet im April 1942 in Gefangenschaft und kam im September 1942 ins Stalag Ziegenhain. Er arbeitete als Holzschuhmacher in der Schuhwerkstatt und hat seine Gefühle einem kleinen Tagebuch anvertraut, in das er auch rührende Gedichte an seine Frau Feodosia eintrug.

Weihnachten 1944 schrieb er: „Nun ist der erste Weihnachtstag vorbei. Diese Tage waren schlimm - unvorstellbare Kälte in der Baracke. Sie kriecht in mir hoch - egal, ob ich mich im Bett verkrieche, sitze oder laufe. Gestern war es draußen minus zehn Grad. Heute scheint es noch kälter zu sein.

Der Hunger macht die Kälte noch unerträglicher. Nur abends erwärmt man sich ein wenig, wenn das einzige Öfchen in dieser riesengroßen Baracke brennt, die nur zu einem Sechstel ihrer Aufnahmekapazität belegt ist. Im Übrigen reicht das Brennmaterial für den Ofen für etwa drei bis vier Stunden - oder sogar noch weniger. (…)

Morgen geht es zur Arbeit. Wenigstens kann man sich dort erwärmen. Es ist mir beklommen ums Herz. Wann gibt es ein Ende der tatenlosen Leere meines Daseins?“

Von Bernd Lindenthal

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