Erster Weltkrieg: Feldpost als Propagandawaffe – Idylle wurde vorgegaukelt

Erbitterte Kämpfe: Der Großvater von Edeltraut Philipps aus Ziegenhain war im Ersten Weltkrieg im Elsass eingesetzt. Hier die dortige Gedenkstätte Hartmannswillerkopf. Die Bergkuppe war von Deutschen und Franzosen schwer umkämpft. Davon zeugt heute noch ein gut erhaltenes System von Schützengräben. 25.000 Soldaten sind dort ums Leben gekommen. Foto: Grede

Auch in Schwälmer Familien werden noch zu Hunderten propagandistische Feldpostkarten, das beliebteste Kommunikationsmittel zwischen Soldaten und Heimatfront, aufbewahrt. Viele davon haben die Leser uns zur Verfügung gestellt.

Einen besonderen Schatz hütet Edeltraut Philipps aus Ziegenhain. Es ist ein Bilderbuch für Kinder „Vater ist im Kriege“, das ihr Großvater, Georg Bax, seinen Söhnen Georg und Hans geschenkt hatte. Von ihrem Vater Hans Bax hat sie es übernommen. Opa Bax war im Elsass eingesetzt und kehrte 1917, vermutlich an Rheumatismus erkrankt, nach Hause zurück. Er starb bereits 1920 an der so genannten Spanischen Grippe.

Das Kinderbuch enthält auf 24 Kunstdrucktafeln Darstellungen aller Waffengattungen vom Infanteristen über den Jäger, den Pionier, den Matrosen bis zur Fuhrparkkolonne und zum Sanitäter. Außerdem sind verschiedene Situationen des Kriegsgeschehens dargestellt wie „Einmarsch in Feindesland“ und „Hindenburgs Gefangene“. Allen Bildern sind Texte in Versform beigefügt. Die farbigen Gemälde zusammen mit den kleinen Gedichten vermitteln eine abenteuerliche Idylle, bei der man als Kind es kaum erwarten kann teilzunehmen. Selbst im Lazarett herrscht fröhliche Stimmung. Dass jemand verletzt ist, ist nicht erkennbar.

Vom Großvater: Edeltraut Philipps bewahrt das Kinderbuch „Vater ist im Kriege“. Foto: Lindenthal

Die massiven Zerstörungen in Nordfrankreich und Belgien, der völkerrechtswidrige Einsatz von Giftgas ab April 1915, die Hinrichtung der Krankenschwester Edith Cavell wegen „Verrat“, die weltweite Entrüstung auslöste und das warnungslose Versenken von Handelsschiffen im Atlantik heizten die antideutsche Stimmung mächtig an und lieferten den Alliierten vielfältige Ansatzpunkte für ihre Propagandakampagnen. Ihnen gelang es, die Deutschen als Hunnen, Barbaren, Boche, Schweine, Vertragsbrecher und Kulturschänder zu brandmarken und den Weltkrieg als Ringen zwischen Zivilisation und Barbarei darzustellen.

Der deutschen Propaganda blieb wenig, um dagegen zu halten: die Behauptung der eigenen Überlegenheit in Waffentechnik und Volkstum, die rassistische Spottpropaganda gegenüber den angeblich kulturell unterlegenen Feinden (verbunden mit dem Handicap zu erklären, warum gegen diese Truppen keine Siege möglich sind) und die lahme und trotzige Gegenwehr „wir sind keine Barbaren!“ in den tausendfach verbreiteten Motiven der Kinder speisenden und in Feindesland pflügenden Soldaten. So ging der Propagandakrieg ebenso wie der reale Krieg für das Deutsche Reich verloren.

Von Bernd Lindenthal

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