Erinnerung bewahren

Verantwortung im Heute: Drei Stolpersteine für Familie Schön aus Treysa

Drei Erinnerungssteine wurden in der Steingasse 17 verlegt: von links Bürgermeister Stefan Pinhard, Louis Peter, Stefanie Wagner, Charlotte Ide, Künstler Gunter Demnig , Lina-Sophie Hegenbart und Bernd Lindenthal.
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Drei Erinnerungssteine wurden in der Steingasse 17 verlegt: von links Bürgermeister Stefan Pinhard, Louis Peter, Stefanie Wagner, Charlotte Ide, Künstler Gunter Demnig , Lina-Sophie Hegenbart und Bernd Lindenthal.

Bildhauer Gunter Demnig ließ am Dienstag, 10. November, drei Stolpersteine ins Pflaster der Steingasse 17 ein, insgesamt sind es in Schwalmstadt damit 53.

Schwalmstadt – „Wir sind nicht haftbar für die Taten aus der NS-Zeit, aber wir sind verantwortlich für die Gestaltung unserer heutigen Gesellschaft“, sagte Bernd Lindenthal während der Verlegung der Stolpersteine. Ein Zeichen der Erinnerung und der Achtung für Familie Schön aus Treysa. Vater Theo und Tochter Hannelore wurden im Konzentrationslager umgebracht. Schüler der Melanchthon-Schule Steinatal gestalteten die Verlegung der Stolpersteine gemeinsam mit der Gedenkstätte und Museum Trutzhain sowie der Stadt Schwalmstadt.

Vorab befassten sich die Schüler mit den Lebensgeschichten von Theodor Schön, seiner Ehefrau Karoline sowie der Tochter Hannelore. Bei der feierlichen Verlegung der Steine trugen die Schüler Charlotte Ide, Lina-Sophie Hegenbart und Louis Peter aus dem Deutschkurs von Stefanie Wagner die recherchierten Biografien der Familie Schön dann vor. Theodor Schön lebte mit seiner Frau und Tochter zunächst in Kleinern, einem Dorf im Landkreis Waldeck-Frankenberg, bevor sie dann gemeinsam nach Treysa kamen. Er war Kaufmann und handelte mit Textilwaren. Nachdem die SA sein Geschäft in Kleinern demoliert hatte, betrieb er ein weiteres in Treysa. Im August 1941 wurde er als sogenannter Schutzhäftling in das Gestapo-Arbeitserziehungslager Breitenau bei Guxhagen eingeliefert und dort „wegen fortgesetzter freundschaftlicher Kontakte zu Ariern“ inhaftiert. Er wurde im April 1942 im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet.

Seine Frau Karoline Schön, geborene Freudenthal, starb 1939 an einer Lungenerkrankung im Krankenhaus Hephata. Auch für sie wurde ein Stolperstein verlegt, um an die Familie und die Demütigung und Entrechtung der Juden zu erinnern. Tochter Hannelore Schön besuchte die öffentliche Volksschule in Treysa. Sie lebte in Deutschland zuletzt in Frankfurt/M. in einem jüdischen Waisenhaus. Anfang 1939 konnte sie mit einem Kindertransport in die Niederlande ausreisen, wo sie in einem israelitischen Waisenhaus für Mädchen aufgenommen wurde. Nach der Besetzung der Niederlande durch das nationalsozialistische Deutschland wurden die Waisenhäuser geschlossen und die jüdischen Mädchen inhaftiert. Im März 1943 wurde Hannelore Schön im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Über die Existenz der jüdischen Familie aus Treysa hat Jürgen Junker im Rahmen seiner Recherchearbeiten für das Evangelische Forum Schwalm-Eder erfahren: „Im vergangenen Jahr haben wir gemeinsam an jüdische Kinder aus Hessen erinnert. Dazu haben wir auch eine Wanderausstellung entwickelt. Durch ein Interview mit einer Zeitzeugin habe ich dann von Hannelore Schön erfahren. Danach haben wir die Geschichte ihrer Familie aufgearbeitet.“

Musikalisch begleitet wurde die Stolperstein-Verlegung von der Organistin Margrid Schmidt am E-Piano. Die Veranstaltung fand in kleinem Rahmen und unter den geltenden Corona-Regeln statt. Die geplante Verlegung weiterer Stolpersteine für die Familien Kaufmann in der Kasseler Straße 23 und 24 in Ziegenhain wurde auf das nächste Jahr verschoben. Nachkommen beider Familien aus Israel sowie Freunde aus Siegen wollten an dieser Verlegung teilnehmen, was durch das Coronavirus zum aktuellen Zeitpunkt nicht möglich war. „Trotzdem war es uns wichtig, auch in dieser Zeit öffentlich an die Novemberpogrome 1938 zu erinnern“, erklärt Karin Brandes, Leiterin der Gedenkstätte Trutzhain. Auch ein geplantes Zeitzeugengespräch mit Eva Stocker aus der Schweiz musste aufgrund der Pandemie entfallen.

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