Verbrecher übt Autofahren

JVA Schwalmstadt: Wie gelang einem 68-jährigen Verbrecher die Flucht aus der Sicherungsverwahrung?

Der Tatort: Nachdem der entwichene Schwalmstädter Sicherungsverwahrte mit seinem Auto durch halb Deutschland gefahren war, überfiel er diese Bank in Krumbach bei Wien.
+
Der Tatort: Nachdem der entwichene Schwalmstädter Sicherungsverwahrte mit seinem Auto durch halb Deutschland gefahren war, überfiel er diese Bank in Krumbach bei Wien.

Ein 68-Jähriger ist bei einem begleiteten Ausgang aus der Schwalmstädter Sicherungsverwahrung entkommen. Zu seiner Flucht gibt es viele offene Fragen – hier einige Antworten.

Schwalmstadt – Einem Mann aus der Schwalmstädter Sicherungsverwahrung ist die Flucht gelungen. Er konnte mehr als 2000 Kilometer durch halb Europa fahren. Daran knüpfen sich viele offene Fragen. Wir versuchen, einige Antworten zu finden. Aktuell ist der 68-Jährige in Bulgarien in Haft. Dort war er zwei Wochen nach seiner Flucht gefasst worden. Zuvor hatte der Flüchtige eine Bank bei Wien überfallen.

Sicherungsverwahrung: Die Strecke des Flüchtigen
JVA Schwalmstadt: Sicherungsverwahrter entkommt – Was genau ist am 7. September passiert?
Ziel des begleiteten Ausgangs am 7. September war unter anderem die Corona-Impfung des Untergebrachten K. sowie der anschließende Besuch eines Einkaufszentrums. Der Sicherungsverwahrte begab sich dann auf die Toilette. Nach Verstreichen der für einen Toilettengang üblichen Zeit begann der Bedienstete nach K. zu suchen – und verständigte schließlich die JVA und die Polizei. So lautet die Darstellung des Justizministeriums.
Warum musste K. in Kassel geimpft werden? Hätte das nicht auch der Anstaltsarzt in Schwalmstadt oder einer der Ärzte in der näheren Umgebung machen können?
Die Impfung in der JVA in Schwalmstadt hatte K. abgelehnt. Daher sollte sie im Zusammenhang mit einem begleiteten Ausgang erfolgen, so das Ministerium. Zur Teilnahme an Alltagssituationen erfolgte neben dem Besuch eines Impfzentrums auch der eines Einkaufszentrums. Begleitete Ausgänge sollen der Erhaltung der Lebenstüchtigkeit dienen und werden nur gewährt, wenn keine Fluchtgefahr prognostiziert wird. Die Begleitperson hat keine Überwachungsaufgaben, sondern solche der sozialen Unterstützung, erklärt das Ministerium.
Wie kommt es, dass er mit seinem eigenen Auto unterwegs war? Ist er etwa mit dem eigenen Mercedes nach Kassel gefahren oder stand der dort für ihn bereit?
Der begleitete Ausgang zum Impf- und Einkaufszentrum erfolgte mit einem Dienstwagen. K. hatte zur Entlassungsvorbereitung auch schon unbegleitete Ausgänge. Dabei nutzte er ein eigenes Fahrzeug. K. hatte einen Arbeitsplatz als Fahrer in Aussicht und sollte Fahrpraxis erwerben. Ob sich sein Auto in Kassel befand, ist nicht bekannt.
In solch einem Mercedes war der Schwalmstädter Sicherungsverwahrte unterwegs. Dieses Foto veröffentlichte die österreichische Polizei.
Hat der Sicherungsverwahrte möglicherweise seine Flucht aus der JVA Schwalmstadt vorbereitet? Woher hatte er die Waffe, mit der er die Bank in Österreich überfiel?
Wegen laufender Ermittlungen könne derzeit noch keine weitere Stellungnahme erfolgen, sagen Staatsanwaltschaft und Justizministerium.
Warum hat die Staatsanwaltschaft Darmstadt nach seiner Flucht keine Öffentlichkeitsfahndung eingeleitet? Wie konnte der Mann unerkannt in seinem eigenen Auto, das ja auf ihn zugelassen ist, durch halb Deutschland reisen?
Dazu die Staatsanwaltschaft Darmstadt: „Es wurde zunächst durch verdeckte Maßnahmen nach dem Entflohenen gefahndet, so wie es von der Strafprozessordnung vorgesehen ist. Wie dem Verurteilten die Flucht gelungen ist, ist Gegenstand der weiteren Ermittlungen.“
Was passierte nach der Flucht aus der JVA Schwalmstadt in Niederösterreich?
In Krumbach bei Wien beging der 68-Jährige einen bewaffneten Banküberfall. Dabei war sein silbergrauer Mercedes Coupé mit deutschem Kennzeichen von einer Überwachungskamera erfasst worden. Eine Überprüfung ergab, dass das Fahrzeug auf K., den von den deutschen Behörden gesuchten Sicherungsverwahrten, zugelassen war.
Die österreichische Polizei leitete eine europaweite öffentliche Fahndung ein. Nur wenige Tage nach dem Überfall wurde der Flüchtige an der bulgarischen Grenze gefasst. In seinem Kofferraum fanden die Grenzpolizisten laut österreichischen Medienberichten in einer Einkaufstüte 116 130 Euro in kleinen wie in großen Scheinen.
Diese Einkaufstüte fand die bulgarische Polizei im Kofferraum des Bankräubers.
Flucht aus der JVA Schwalmstadt und Banküberfall in Österreich: Was passiert jetzt mit dem 68-Jährigen?
Die österreichische Polizei bestätigt, dass K. sich weiterhin in Bulgarien in Auslieferungshaft befindet. Dies könne auch einige Zeit dauern. Neben Österreich beantragt auch Deutschland die Auslieferung. (Sylke Grede)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.