Vom Ableger zur Werkstatt

50 Jahre Hephata-Werkstätten: Die „Für-Uns-Manufaktur“

Klaus Hanssen schneidet am Stapelschneider die Seiten eines Buchs nach DIN-Norm in Form.
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Klaus Hanssen schneidet am Stapelschneider die Seiten eines Buchs nach DIN-Norm in Form.

Seit 50 Jahren sind Menschen mit Behinderungen in den Hephata-Werkstätten tätig. Wir stellen die Arbeit und die Menschen hinter den Produkten vor.

Schwalmstadt. „Ich bin glücklich hier und freue mich jeden Morgen, dass ich in der Manufaktur arbeiten kann“, sagt Klaus Hanssen (42)*. Der 42-Jährige arbeitet seit vier Jahren in der „Für-Uns-Manufaktur“, einer Werkstatt für Menschen mit psychischen oder seelischen Behinderungen. Hanssen hat nach der Schule Tischler gelernt und in dem Beruf gearbeitet. Doch irgendwann geriet sein Leben aus den Fugen: „Ich habe schon in der Ausbildung gemerkt, als die Arbeitsbelastung zunahm, dass was nicht stimmt. Aber ich habe weitergemacht und auch ein einigermaßen normales Leben gehabt, weil ich vieles verdrängt habe. Dann hat mich meine Vergangenheit eingeholt.“

Es folgten Arbeitslosigkeit, soziale Vereinsamung und Alkoholabhängigkeit. „Das, was ich als Kind erlebt habe, verfolgt mich bis heute“, so der 42-Jährige. Neben der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung in der Hephata-Klinik gibt ihm die Manufaktur Treysa Struktur und Halt. Hanssen arbeitet in einer der ältesten Arbeitsgruppen, der Buchbinderei. Hier werden Bücher restauriert, Diplomarbeiten und Zeitschriften gebunden sowie Blöcke, Fotoalben, Tage- und Rezeptbücher, Klemmbretter, Mappen und Grußkarten hergestellt.

Manufaktur bietet viele Möglichkeiten

„Klaus Hanssen ist ein gutes Beispiel für die Möglichkeiten, die unsere Manufaktur bietet“, sagt Heidrun Siebert (60), Leiterin der Für Uns-Manufaktur Treysa. Viele der Mitarbeiter hätten einerseits qualifizierte Ausbildungsabschlüsse, andererseits jedoch auch starke Beeinträchtigungen aufgrund psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Borderline oder Psychosen. Hinzu kämen oft körperliche Probleme. „Unsere Mitarbeiter kommen in dem System nicht klar. Hier finden sie einen Ort, an dem sie unter arbeitsmarktähnlichen Bedingungen und mit individueller Förderung stabil werden, Kontakte knüpfen und auch berufliche Erfolge erleben. Wir unterstützen sie nach ihren individuellen Möglichkeiten, immer mit dem Ziel der Weiterentwicklung und Rückkehr auf den allgemeinen Arbeitsmarkt“, so Siebert.

Die Manufaktur hat sich dabei auch selbst stark weiter entwickelt. Gestartet als „Zweigwerkstatt für psychisch Kranke, seelisch behinderte Menschen“ der 1971 gegründeten WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen) der Behindertenhilfe, war sie im ehemaligen Bürotrakt der Landmaschinenfabrik Helwig Am Alten Feld in Treysa untergebracht – mit sechs Menschen, zwei Mitarbeitern und den Arbeitsgruppen Ton, Holz, Weben, Flechten und Nähen. 1991 vergrößerte sich die Manufaktur mit dem Umzug in die ehemalige Lagerhalle der Firma Franz Ludolph im Kulenkampweg in Treysa auf 600 Quadratmeter und 42 Klienten. 1992 folgte die Umbenennung in „Reha-Werkstatt Treysa“. Im Jahr 2008 stand der Umzug in das Gebäude der ehemaligen Zweiradfirma Stehl an der Osttangente in Treysa an – mit 53 Beschäftigten. Seit Februar 2020 hat die Manufaktur Treysa ihren heutigen Namen. Klaus Hanssen ist ebenfalls angekommen: „Ich fühle mich wohl hier. Ich bin dankbar, dass es die Werkstätten gibt. Ich wüsste nicht, wo ich ohne sie wäre.“ (*Der Name wurde von der Redaktion geändert.)

Kontakt: Für Uns-Manufaktur, Ascheröder Straße 31, Treysa, Tel. 0 66 91/91 12 90, E-Mail: manufaktur.treysa@hephata.de (sro)

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