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Um den Krieg zu finanzieren: Vor 100 Jahren gab es Schwälmer Geldnoten

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75-Pfennig-Notgeldschein: Auf diesem Geldschein-Motiv tanzt der Leimbacher Johannes Hooß mit der Landgräfin.
75-Pfennig-Notgeldschein: Auf diesem Geldschein-Motiv tanzt der Leimbacher Johannes Hooß mit der Landgräfin. Die Notgeldscheine waren vor 100 Jahren im Umlauf. (Repro) © Bernd Lindenthal

Nachdem der Plan vom schnellen Niederwerfen Frankreichs schon im September 1914 nicht aufgegangen war und ein langer Zweifrontenkrieg bevorstand, häuften sich für das deutsche Volk die Schwierigkeiten.

Schwalm – Um den Krieg zu finanzieren, wurde die Druckerpresse in Gang gesetzt und damit die Inflation befeuert.

Inflation

1916 war das Silber in einem Markstück mehr wert als seine Kaufkraft und wurde daher gehortet. Aber auch Kleingeld verschwand, denn das Kupfer in den Ein- und Zweipfennigstücken und der Nickel in den Fünfern und Zehnern wurden für die Rüstungsproduktion dringend gebraucht. Als dadurch der Handel und die Auszahlung der Löhne in Gefahr gerieten, griffen Firmen und Gemeinden zur Selbsthilfe und gaben Notgeldscheine als zeitlich und regional begrenzten Geldersatz aus. Der Staat und die Reichsbank mussten diese Zahlungsmittel ohnmächtig dulden.

Mark Vorderseite: Für die Ehre die Landgräfin geküsst zu haben, sollte der Leimbacher bezahlen.
Mark Vorderseite: Für die Ehre die Landgräfin geküsst zu haben, sollte der Leimbacher bezahlen. (Repro) © Bernd Lindenthal

Der Geldmangel und die Inflation machten sich nach dem Krieg besonders bemerkbar und führten zu einer Hyperinflation, die ihren Höhepunkt im September 1923 erreichte und nur mit einer Währungsreform behoben werden konnte. Bürger, die sogenannte Kriegsanleihen gekauft hatten, und Sparer waren die größten Verlierer des Umbruchs. Auch der Zweite Weltkrieg war übrigens über Schulden finanziert und hatte die gleichen Folgen: die Währungsreform von 1948.

Schwälmer Notgeld

Die künstlerische Gestaltung der Notgeldscheine machte sie damals wie heute für Sammler interessant. In der Schwalm waren drei davon von 1916 bis zum 1. April 1922 im Umlauf. Sie hatten den Wert 5 Pfennig, 75 Pfennig unf 1 Mark. Deutlich abzugrenzen sind sie von den Zahlungsmitteln der Hyperinflation mit Nennwerten über Milliarden und Billionen. Sie waren mit der lokalhistorischen Geschichte von Johannes Hooß aus Leimbach bedruckt.

Historie

Der Leimbacher hatte den bei der Jagd verunglückten Landgrafen Carl (1654 bis 1730) im Wald gefunden und in sein Schloss gebracht (50 Pfennig). Der Landgraf half daraufhin bei der Brautsuche und war zu Hooßens Hochzeit eingeladen. Beim Tanz gab Hooß nach Rücksprache mit dem Ehrengast der Landgräfin einen Kuss, das sogenannte „Küsse-Süßchen“ beim „Monzelschwälmer“ (75 Pfennig). Für dieses besondere Wohlwollen musste er aber bezahlen und zwar eine Metze Golddukaten.

Der schlaue, inzwischen zum Junker beförderte Bauer, überreichte ein ganz kleines Maß mit den Worten: „Wir Schwälmer messen das Gold mit anderem Maß als den Weizen“! (1 Mark-Schein). Die kleine silberne Metze mit dem dazu gehörigen silbernen Streichholz, um den Überschuss abzustreifen, gelangte ins landgräfliche Kunsthaus und später als Geschenk in den Besitz der Gräfin Christine von Bernhold. Danach verliert sich die Spur.

Ein-Mark-Schein: Johannes Hooß überreicht das kleine Maß mit Golddukaten an den Landgrafen.
Ein-Mark-Schein: Johannes Hooß überreicht das kleine Maß mit Golddukaten an den Landgrafen. (Repro) © Bernd Lindenthal

Das Schwälmer Notgeld war von den Geschäftsleuten H. Spohr, G. Waldschmidt, J. H. Ludwig und C. Moutoux als Zahlungsmittel herausgegeben worden und hatte bis zum 1. April 1922 Gültigkeit. Um welche Geschäfte es sich konkret handelt, konnte nicht vollständig aufgeklärt werden. Die Geschäftsleute F. und G. Waldschmidt warben in der Ziegenhainer Zeitung vom Oktober 1921 für Uhren, Gold- und Silberwaren, Geschenkartikel und Optik. C. Moutoux war Buchhändler.

Eine kuriose Wiederbelebung hat das Treysaer Notgeld anlässlich der Kneipenfeste 2001 und 2002 erfahren. Die Handels- und Gewerbevereinigung hatte die alten Scheine nachdrucken lassen, womit die Musiker in den teilnehmenden Gaststätten ihren Durst löschen konnten. (Bernd Lindenthal)

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