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Deutschlands letzte historische Samtbandweberei ist in Trutzhain

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Von: Maike Lorenz

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Udo van der Kolk steht in seiner Weberei und hält ein gewebtes Samtband in die Kamera.
Udo van der Kolk zeigt in seiner Weberei, wie die Bänder aussehen, die in Zukunft mit den neuen Webstühlen hergestellt werden können. © Maike Lorenz

Die Weberei Egelkraut aus Trutzhain arbeitet auch heute noch mit Webstühlen wie es sie schon vor 100 Jahren gab. Nun gibt es dort auch Samtbandwebstühle.

Trutzhain – „Ich stelle an, nicht erschrecken“, sagt Udo van der Kolk, bevor der historische Webstuhl vor ihm zu Leben erwacht. Die etwa vier Meter hohe Maschine beginnt rhythmisch zu klackern und zu ruckeln. Faden um Faden ergänzt sie zu dem rot-goldenen Gewebe auf der Rolle.

Udo van der Kolk gehört die Weberei Egelkraut in Trutzhain. Mit historischen Webstühlen wird hier alte Webtechnik am Leben gehalten. Ziel ist es, auch heute noch historische Muster und Stoffe authentisch nachstellen zu können. Gefragt ist das zum Beispiel bei Filmproduktionen, Karnevalisten und beim Theater.

Aktuell arbeitet der 47-Jährige an einem Stoff für die Löwenburg in Kassel. Im Zweiten Weltkrieg verschwand dort eine Wandbespannung, die nun möglichst originalgetreu nachgebildet werden soll. Das Muster und die Farben aus dem 18. Jahrhundert werden dazu auf Basis von Stoffresten aufwendig kopiert.

Bänder statt Flächen

Seit ein paar Jahren macht es sich van der Kolk auch zum Ziel, nicht nur Stoffbahnen herzustellen, sondern auch mit sogenannten Bandwebstühlen zu arbeiten. Mit dieser ganz besonders seltenen Technik werden Bänder gewebt, die zum Beispiel den Saum von Trachtenjacken schmücken. Mit einem Bandwebstuhl, den van der Kolk voriges Jahr angeschafft hat, experimentiert er bereits. Einige Arbeitsproben kann er schon vorweisen.

Nun erhält van der Kolk drei sogenannte Samtbandwebstühle aus Wuppertal. Dort hatten die Webstühle aus dem Jahr 1910 in den letzten 30 Jahren unberührt im dritten Stock einer ehemaligen Weberei gestanden. Als van der Kolk erfuhr, dass die Webstühle eine neue Bleibe brauchen und sonst womöglich auf dem Schrott landen, war ihm klar: „Die müssen wir retten.“ Er betont: „Webstühle dieser Art gibt es in Deutschland eigentlich nur noch in Museen.“ Lediglich eine Weberei in der Schweiz ist ihm bekannt, die bis vor Kurzem noch mit Bandwebmaschinen produziert hat. Doch auch dort sei die Produktion nun aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt worden.

 Udo van der Kolk steht an dem Bandwebstuhl in seiner Werkstatt.
Größer als man sich einen Webstuhl vorstellt: Udo van der Kolks Bandwebstuhl ist etwa vier Meter hoch und sechs Meter breit. © Maike Lorenz

Ob sich die Neuanschaffung wirtschaftlich lohnt, ist für ihn zweitrangig: „Alle denken immer nur wirtschaftlich und dann gibt es diese Techniken irgendwann nicht mehr.“ Historische Webstühle auch weiterhin zu nutzen, sei die einzige Möglichkeit, um auch in Zukunft noch historisch authentische Webereien herstellen zu können. „Wenn die Technik erstmal weg ist, ist sie weg. Die wird niemand mehr erfinden.“

eine gewaltige Aufgabe

Für Udo van der Kolk ist die Rettungsaktion mit vielen Mühen verbunden. Die riesigen Webstühle – etwa sechs Meter breit, zwei Meter tief, vier Meter hoch – liegen aktuell in kleine Teile zerlegt in van der Kolks Scheune. Allein der Transport sei eine „Gewaltaktion“ gewesen, berichtet er. Doch selbst wenn der Wiederaufbau der Webstühle geschafft ist, wird noch viel „Tüftelei“ notwendig sein, um die Webstühle auch zum Laufen zu bekommen.

Ohne „Spaß an der Freude“, wie van der Kolk es ausdrückt, ist das nicht zu stemmen. „Da muss man sich reinfuchsen“, erklärt er. Mit viel Vorarbeit müssen beispielsweise noch die Muster entwickelt werden, die letztlich auf die Bänder gewebt werden.

Erschwerend hinzukommt, dass die Bandweberei bisher auch für van der Kolk neues Terrain ist. Er habe sich deshalb schon gefragt, ob er sich die Arbeit machen wolle, gibt er zu. Letztlich sei die Entscheidung für die Neuanschaffung aber klar gewesen. Zu groß ist die Befürchtung es später zu bereuen, wenn er die Webstühle dem Schrott überlassen hätte: „Dann kann man sich nicht mehr umentscheiden.“ (Maike Lorenz)

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