Historisches

70 Jahre Quinauer Wallfahrt in Trutzhain: Zwei Madonnen in der neuen Heimat

Madonna: Pfarrer Tomsik aus Kvetnov/Quinau (Tschechien) hält sie in den Händen, links Paul Felber.
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Madonna: Pfarrer Tomsik aus Kvetnov/Quinau (Tschechien) hält sie in den Händen, links Paul Felber.

70 Jahre Quinauer Wallfahrt in Trutzhain: Das feiern Gläubige am 4. Juli in der Wallfahrtskirche. Wir beleuchten ihre Geschichte, die eng mit der vieler Trutzhainer verbunden ist.

Trutzhain – Der Einzug der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in das verwaiste ehemalige Lager war nicht nur die Geburtsstunde des heutigen Ortes, sondern auch der Beginn des Wallfahrtswesens in Trutzhain. 1949 oder 1950 wurde in der provisorisch eingerichteten Barackenkirche im ehemaligen Lager erstmals die Quinauer Wallfahrt gefeiert. Die Tradition der Wallfahrt hatten die Menschen aus dem böhmischen Erzgebirge mitgebracht.

Messe in der Wallfahrtskirche

Zur Quinauer Wallfahrt in Trutzhain laden die katholischen Kirchengemeinden im Pastoralverbund Maria Hilf Schwalmstadt für Sonntag, 4. Juli, in die Gedenk- und Wallfahrtskirche Maria Hilf ein.

Die Wallfahrt steht im Zeichen des Jubiläumsjahres „70 Jahre Quinauer Wallfahrt“. Um 10.30 Uhr beginnt die festliche Wallfahrtsmesse. Sie wird auch genutzt, um die Gesamtrenovierung (Kirche außen, Dach und Außenanlage, Kirche innen, Gemeindesaal, Küche und Terrassen-Außenbereich, Jugendraum, sowie Pfarrhausdachsanierung) abzuschließen.

Bischof Dr. Michael Gerber aus Fulda feiert die Jubiläumswallfahrtsmesse – nachgeholt aus dem vorigen Jahr. Konzelebranten sind Pfarrer und Moderator des Pastoralverbundes Jens Körber, Pfarrer Monsignore Michael Brüne und Pfarrer i.R. Geistlicher Rat Manfred Buse.

Noch nicht Angemeldete können sich noch vor Ort eingetragen, es werden vor der Kirche Stühle aufgestellt werden sowie eine Lautsprecheranlage. Ein Festzug oder einen Festbetrieb wird es nach der Messe nicht geben, auch nicht die sonst übliche Andacht am Nachmittag.

Nach dem Krieg kamen viele Vertriebene aus dem Kreis Komotau (Chomutov) in die Schwalm, auch die Familie Peschek, die zunächst in Neukirchen untergebracht war. Der betagte Franz Peschek setzte sich sehr für die Wiederaufnahme der Wallfahrt ein, da eine Rückkehr in das nun tschechische Quinau unmöglich war. Peschek ließ für die Wallfahrt in Trutzhain bereits in der Anfangszeit eine Madonna für fast 300 DM – eine sehr große Summe zu jener Zeit – in Bayern schnitzen. Diese erste Madonna für Trutzhain ähnelte der Quinauer Madonna.

Katholiken hatten es schwer im Schwalmgebiet

Die Katholiken hatten es seit der Reformation im Schwalmgebiet schwer. Bis in die 1930er Jahre zählte man rund 850 Katholiken unter etwa 40 000 evangelischen Christen. Die 1903 gegründete Seelsorgestelle in Ziegenhain war die einzige katholische Kirche in der Schwalm.

Mit Flucht und Vertreibung von mehr als 12 Millionen Menschen änderte sich auch im heutigen Altkreis Ziegenhain vieles. Die Zahl der Bewohner stieg auf rund 60 000 an. Davon waren 10 000 Katholiken, die nun die Seelsorgestelle in Ziegenhain vorfanden. „Flüchtling oder Heimatvertriebener zu sein war schon schlimm, aber auch noch katholisch zu sein, das war noch schlimmer“, hieß es oft.

In Gaststätten und Friedhofskapellen hielten die Katholiken ihre Gottesdienste. In Trutzhain wurde die Baracke an der Ecke der heutigen Hauptstraße/Danziger Straße zur provisorischen Kirche. Die Christmette 1948 war der erste Gottesdienst in der Barackenkirche. 1964 wurde der Grundstein für das neue Kirchengebäude gelegt, Heimaterde aus St. Katharina im Böhmerwald wurde beigefügt: „Geholt 1952 als der Stacheldraht noch Lücken hatte“, schrieb Pfarrer Karl Altmann.

Der erste Sonntag im Juli ist der traditionelle Termin der Quinauer Wallfahrt. Die Aufnahme dieser Gruppe aus Neukirchen auf dem Weg nach Trutzhain stammt aus dem Jahr 1954. Im Steinatal traf man mit Abholern zusammen, die Kapelle Deseive spielte.

Wallfahrer kamen oft von weit her

Zum Fest Maria Heimsuchung, am ersten Sonntag im Juli, trafen sich in den Anfangsjahren zwischen 300 bis 500 Wallfahrer in Trutzhain, um die Quinauer Wallfahrt zu feiern. Aus Neukirchen kam eine Fußgruppe Pilger mit Pfarrer Werner Loskant, um die Madonna nach Trutzhain zu bringen. Von dort ging ihnen Pfarrer Mrasek mit der Kapelle Deseive entgegen, um die Prozession abzuholen. In der Nähe von Steinatal trafen sich beide Gruppen und zogen zusammen mit Musik in Trutzhain ein.

Für die einheimischen evangelischen Schwälmer war dies sicher ein ungewöhnliches Schauspiel. Zur Quinauer Wallfahrt in Trutzhain kamen regelmäßig Geistliche aus der „alten Heimat“, um für ihre Komotauer die Wallfahrtsmesse zu zelebrieren. Auch sie fanden in anderen Gegenden Deutschlands ein neues Zuhause und reisten dann zur Wallfahrt nach Trutzhain.

Mit dem Einzug in die neu gebaute Maria-Hilf-Kirche begann auch für die Quinauer Wallfahrt eine neue Zeit. In der Marienkapelle erhielt die Maria-Statue einen eigenen Raum und Platz, manches Provisorium hatte ausgedient, während es in Trutzhain Wegzüge, aber auch Neubürger gab. Statt aus der unmittelbaren Gegend kamen die Wallfahrer nun oft weite Strecken mit dem Auto gefahren. Die Herkunft konnte man an den Nummernschildern der Autos vor der Kirche gut ablesen. Sie kamen aus Stuttgart, Frankfurt, Offenbach oder Köln.

Eine zweite Madonna für Trutzhain

1987 erhielt Trutzhain eine zweite Madonna. Damit hat Trutzhain ebenfalls zwei Madonnenfiguren, die beide den Madonnen in Quinau ähneln. Während die erste extra für Trutzhain gefertigt wurde, kam die Zweite eher zufällig nach Trutzhain, sie war für ein geplantes Museum in München bestimmt, das dann nicht fertiggestellt wurde. Über Ecken gaben der Vorsitzende des Heimatkreises Komotau Günther Hans Kilbert aus Köln und Holzschnitzer Anton Reinelt die Madonna bei der Quinauer Wallfahrt 1987 feierlich in die Obhut der Trutzhainer Gemeinde.

Öfters wird gefragt, ob Trutzhain wirklich ein Wallfahrtsort ist, da der Ort so gar nicht in die gängigen Bilder von Wallfahrtsorten wie Altötting, Kevelaer oder Lourdes passe. Kirchenrechtlich ist ein Ort Wallfahrtsort, wenn an einem Ort mehr als 30 Jahre ein wallfahrtsähnlicher Gottesdienst gefeiert wurde und diese Glaubensbezeugung durch den Ortsbischof anerkannt wurde. Beides ist der Fall und Trutzhain ist der einzige Wallfahrtsort in Nordhessen.

Quinauer Wallfahrt wurde Pastoralverbundswallfahrt

Mit der Errichtung der Pastoralverbünde im Bistum Fulda im Jahr 2006 gewann die Quinauer Wallfahrt in Trutzhain weiter an Bedeutung. Der Pastoralverbund, der die Kirchengemeinden Neukirchen, Oberaula, Schrecksbach, Ziegenhain, Frielendorf, Treysa und Trutzhain zusammenführte, erhielt den Namen „Maria Hilf“ zu Ehren der Gottesmutter Maria, die in Trutzhain verehrt wird. 2010 kamen noch die Gemeinden Zimmersrode und Jesberg hinzu.

Der Pastoralverbund Maria Hilf, Schwalmstadt ist flächenmäßig einer der größten Verbünde im Bistum Fulda und umfasst mit etwa 4000 Katholiken den südlichen Schwalm-Eder-Kreis. Die Quinauer Wallfahrt wurde so Pastoralverbundswallfahrt. Auch die Gründung des ersten Klosters in der Schwalm seit der Reformation durch die Oblaten (OMI) in Ziegenhain geht auf die Wallfahrt in Trutzhain zurück.

Wallfahrt 2008: Karlheinz Diez weiht die neuen Kaseln – liturgische Gewänder.

Bücher, Publikationen und Dokumentationen thematisieren Quinauer Wallfahrt

Durch eine Kooperation mit der Kasseler Werkakademie für Gestaltung erhielt die Kirchengemeinde im Jahr 2008 eigene, ganz besonders gestaltete Wallfahrtsmessgewänder. Nach den Entwürfen der Gestalter fertigte die Trutzhainer Weberei Egelkraut den Stoff, und Maßschneidermeisterin Margot Bechstedt aus Lohfelden schneiderte die sechs einzigartigen Gewänder. Zur Wallfahrt 2008 wurden sie von Weihbischof Prof. Dr. Karlheinz Diez geweiht und eingesetzt.

Auch in der zweiteiligen ARD-Fernsehdokumentation „Fremde Heimat“ sowie in mehreren Büchern und Publikationen werden Trutzhain und die Quinauer Wallfahrt thematisiert. (Wolfgang Scholz Und Anne Quehl)

Legende um einen Hirtenjungen ist der Ursprung

Adolf Sachs aus Platten (Blatno), dem Nachbarort von Quinau (Kvetnov), schreibt: „Über die Entstehung der Wallfahrtskirche in Quinau berichtet eine Legende, dass ein Hirtenknabe Josef (Zein) an der Stelle, wo später die Kirche errichtet wurde, für seinen Herrn das Vieh hütete. Einmal fing der sonst fromme Knabe aus Unwillen über das Vieh an zu fluchen. Augenblicklich ertönte aus dem Gebüsch eine Stimme: „Josef, unterlass deinen Zorn, du beleidigst meinen Sohn Jesu!“ Erschrocken wandte der Junge sein Gesicht nach der Richtung, von der die Stimme kam. Da erblickte er in einer Felsennische ein Marienbild. Er fiel auf die Knie und bat um Verzeihung. Dann baute er aus Steinen und Sträuchern ein Kapellchen um das Marienbild und verrichtete dabei seine Andacht. Er verschwieg sein Erlebnis, bis er krank wurde; während der Krankheit verriet er durch Seufzen und Reden etwas davon. Man fragte ihn näher aus, und nun kam die Sache an den Tag. Er sprach sogleich den Wunsch aus, man möge ihn zu dem Marienbild am Berge hinauftragen. Der Bauer, bei dem der Knabe bedienstet war, nahm darauf das Bild von seinem Standort und tat es in ein Behältnis.

Doch bald war es aus seinem neuen Aufenthaltsort verschwunden. Man fand es wieder an seinem früheren Standort oben am Berge. Wieder nahm es der Bauer in seine Wohnung mit ins Dorf hinab, aber seltsamerweise war es wieder oben auf dem Hügel. Die wenigen Bewohner von Quinau erfuhren von dem Ereignis und man kam überein, im Dorfe eine Kapelle zu bauen, um das Marienbild in nächster Nähe unterzubringen. Das Material zum Kapellenbau war bereits aufgeschichtet. Doch eines Morgens war der Bauvorrat weg und befand sich oben auf dem Hügel, wo ursprünglich das Marienbild gefunden worden war.“

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