Bilder, die nicht vergessen werden

Abzug der Soldaten aus Afghanistan könnte Auswirkungen auf Jägerbataillon in Schwarzenborn haben

Schnelle Eingreiftruppe: 2009 waren 250 Schwarzenbörner Soldaten in Afghanistan. Sie stellten im Norden des Landes die Quick Reaction Force und waren schweren Gefechten ausgesetzt.
+
Schnelle Eingreiftruppe: 2009 waren 250 Schwarzenbörner Soldaten in Afghanistan. Sie stellten im Norden des Landes die Quick Reaction Force und waren schweren Gefechten ausgesetzt.

In dieser Woche beendet die Bundeswehr ihren Einsatz in Afghanistan, die Soldaten sind zu Hause. Die Nato-Mission „Resolute Support“ ist abgeschlossen.

Schwarzenborn – Das beobachten die Soldaten des Jägerbataillons in Schwarzenborn mit besonderem Interesse: Im Juni hätte ihr Einsatz in Afghanistan begonnen. Bis vor Kurzem war nicht klar gewesen, dass daraus nichts wird. Im April war noch vom 11. September als Abschluss des Nato-Einsatzes die Rede gewesen. Seit Wochen kursierte allerdings für die Bundeswehr der 4. Juli als möglicher Stichtag.

Die Absage ihres Einsatzes sei für die Soldaten des Jägerbataillons nicht nur eine Vollbremsung gewesen, sondern wie der Ausfall der Olympischen Spiele, erklärt Kommandeur Oberstleutnant Sven Kästner. Auch er selbst wäre in führender Position mit nach Mazar-I-Scharif gegangenen. Über ein Jahr hatten sich er, Soldaten des Stabs, einer Kampfkompanie und einer Versorgungskompanie mental wie auch körperlich auf den Einsatz vorbereitet.

Oberstleutnant Sven Kästner

Schwarzenbörner Truppe: seit 1999 jährlich einen Auslandseinsatz

In den vergangenen sechs Monaten sogar gemeinsam mit 140 georgischen Soldaten, die die Schwarzenbörner in den Einsatz begleiten sollten. Über Monate hätte man sich für den Einsatz motivieren müssen. „Jetzt müssen wir uns motivieren, nicht zu gehen“, erklärt Kästner. Als eine Art Kapitulation vor der Lage im Land will er den Rückzug nicht sehen. Er spricht von einem Maß an Ernüchterung, das sich breitmache. „Sicherlich hat der Einsatz nicht den Erfolg gehabt, den man sich versprochen hatte, doch wir haben dort das getan, was Militär im Stande ist, leisten zu können“, formuliert er vorsichtig.

Der Verband in der Knüll-Kaserne zählt zu einsatzerfahrensten in der Bundeswehr. Das stellte auch Generalinspekteur Eberhard Zorn kürzlich bei seinem Besuch fest. Die Schwarzenbörner Truppe kann seit 1999 jährlich einen Auslandseinsatz vorweisen. Sie war zunächst in Serbien, dann im Kosovo, 2005 das erste Mal in Afghanistan als Teil der kämpfenden ISAF-Truppen, später unterstützend in „Resolute Support“.

Uwe Kaiser war drei Mal in Afghanistan

Harte Schale, weicher Kern. Zu diesem Fazit kommen viele, die Uwe Kaiser kennen. Uwe Kaiser ist Oberstabsfeldwebel und Spieß der 3. Kompanie des Jägerbataillons in Schwarzenborn. Die Truppe kennt er aus dem Effeff. Seit 1987 gehört er dem Verband in der Knüll-Kaserne an. Vier Mal war der 54-Jährige im Auslandseinsatz, drei Mal in Afghanistan, in diesem Sommer sollte der vierte Afghanistan-Einsatz folgen.

Erfahrener Soldat: Oberstabsfeldwebel Uwe Kaiser ist der Spieß der 3. Kompanie des Jägerbataillons.

Klar und knapp antwortet der Neukirchener auf Fragen im Besprechungszimmer der 3. Kompanie. Auf Gefühlsduseleien lässt er sich nicht ein. Sollte man auch nicht, wenn man die Verantwortung für viele Menschen trägt, verrät er beim Abschied. Als Spieß zeichnet ihn nicht nur die gelbe Schulterschnur aus. Mit dieser Stellung ist er der wichtigste Mann im Innendienst und der Vermittler der Kompanie. Als „Mutter der Kompanie“ möchte Kaiser trotzdem nicht bezeichnet werden. Man habe schließlich nur eine Mutter, sagt er.

Der Abzug aus Afghanistan erscheint ihm jetzt sehr schnell. „Wir haben dort viel erreicht, wir werden viel aufgeben.“ Und es scheinen durchaus auch soziale Aspekte zu sein, die Kaiser motiviert haben, immer wieder in das Land am Hindukusch zu kommen. „Man sieht die Angst in den Augen der Kinder, wenn sie Soldaten sehen, tiefverschleierte Frauen, die wegschauen, wenn sie Männer sehen“, erzählt er.

Bilder, die nicht vergessen werden

Er berichtet auch von einem Treffen mit einem Siemens-Mitarbeiter beim Einsatz im Jahr 2004. Den habe er gefragt, was diese gefährliche Mission denn wohl bringen würde. Der habe geantwortet, dass anderenfalls das Land zurück in die Steinzeit falle. Und ja, gewisse Freiheiten habe man – insbesondere der ländlichen Bevölkerung – ja auch gebracht, ist sich Kaiser sicher. „Viele sagen, dann bekommst du ja mehr Geld. Aber es ist schwer verdientes Geld“, unterstreicht der Soldat und erzählt von einem Gefecht im Jahr 2009, bei dem drei seiner Männer schwerverletzt wurden, einer davon schwerstverletzt. Dass alle drei überlebt haben, bringt er mit der guten medizinischen Infrastruktur der Bundeswehr im Einsatzland zusammen. Alle drei sind wieder gesund, zu allen unterhält der Spieß noch Kontakt. Die Fotos der Drei bewahrt er in seinem Schreibtisch auf. Damit er sie nie vergisst.

Die Familie sei ein wichtiger Faktor

Die Mutter eines Soldaten wollte ihm einmal das Versprechen abnehmen, ihren Sohn wieder heil zurückzubringen. Der Frau hat Kaiser gesagt, das könne er nicht versprechen, er wolle aber das Bestmöglichste dafür tun. Überhaupt die Familie, das sei ein wichtiger Faktor beim Thema Auslandseinsatz. Der Soldat im Einsatz habe es einfach, der habe quasi eine Rundumversorgung, meint der 54-Jährige. Die Familie aber müsse mit allen Unwägbarkeiten allein klarkommen. Gerade für Kinder sei es besonders schwer, wenn der „fremde Vater“ plötzlich wieder da ist, sagt Kaiser, der selbst keine Kinder hat.

Für den nun abgesagten Einsatz im zweiten Halbjahr 2021 ist die 3. Kompanie bestens vorbereitet gewesen. „Es geht nur mit höchstmöglichem Ausbildungsstand“, erklärt der Kompaniefeldwebel. Wobei es bei dieser Einsatzvorbereitung angesichts der Pandemie besonders schwierig gewesen ist. Es habe viele Isolierungen gegeben, um Kohorten bilden zu können, auch körperlich sei es wegen der Maskenpflicht noch anspruchsvoller gewesen. „Wir haben bis zum letzten Moment gedacht, wir fahren in den Einsatz, saßen quasi mit gepackten Koffern bereit.“ Aber das sei nicht negativ zu sehen, betont der Oberstabsfeldwebel. „Das war unser Auftrag.“ (Sylke Grede)

Nächstes Jahr nach Litauen 

Das Jägerbataillon (vorher Jägerregiment) war seit 2005 zwölf Mal jeweils zwischen vier und sieben Monate in Afghanistan. Die Einheit in der Knüll-Kaserne hat keine Toten zu beklagen, aber durchaus Verletzte. Da die Bundeswehr sich jetzt nach der Krim-Annektion wieder auf die Bündnisverteidigung konzentrieren wird, gehen Soldaten des Jägerbataillons 2022 nach Litauen und sind Teil der Enhanced Forward Presence Battlegroup. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.