Die verwundete Heimat

Gebürtige Schwarzenbörnerin lässt Erinnerung an die Flut im Ahrtal nicht los

Autowracks stehen im Kurviertel an der Ahr.
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Bad Neuenahr: Autowracks stehen im Kurviertel an der Ahr. Nach wie vor sind die Spuren der Flut überall an der Ahr präsent. Schwarzenbörner übergeben am Sonntag persönlich eine Geldspende.

Ehemalige Schwarzenbörnerin berichtete über Erlebnisse während der Hochwassernacht im Ahrtahl im Sommer.

Ahrtal/Schwarzenborn. Heimat ist für Beate Ort mehr als der Landstrich, in dem sie lebt. Heimat ist für die 57-Jährige ein Gefühl. Heimat, das sind die Menschen, denen sie sich verbunden fühlt. Das gilt zum einen für Schwarzenborn, der Stadt, in der sie aufgewachsen ist, zum anderen aber auch dem Ahrtal. Dort lebt sie seit 30 Jahren in Oberzissen im Landkreis Ahrweiler und nun muss sie sagen:

Obwohl sie direkt nicht betroffen ist, haben sich bei Beate Ort die Ereignisse vom 14. und 15. Juli eingebrannt. Ständig präsent sind die Bilder, die Gerüche, die Geräusche, aber auch die Stille und die Dunkelheit. Die Erinnerung.

Wie in ihrer Jugend in Schwarzenborn spielt Beate Ort auch in Bad Neuenahr im Posaunenchor. Am frühen Abend des 14. Juli macht sie sich auf den Weg nach Bad Neuenahr zur letzten Probe vor den Sommerferien. „Niemand von uns Anwesenden ahnt, dass nur wenige Stunden später, auch unser evangelisches Gemeindehaus von den Fluten der Ahr erfasst werden wird.“ Den ganzen Tag über habe es geregnet, erinnert sie sich. Es wirkte für sie unspektakulär. Der Regen sei nicht stark, nur beständig gewesen.

Kommunikationsverbindungen brechen zusammen

Wieder zuhause macht sie es sich auf dem Sofa bequem, im Fernseher läuft das Abendprogramm. In dem Programm, das sie eingeschaltet habe, läuft kein Nachrichtenticker mit Warnungen vor Hochwasser über den Bildschirm. „Nichts lässt erahnen, dass bereits zu diesem Zeitpunkt einige Menschen im Ahrtal um ihr Leben kämpfen.“

Ihr Handy liegt auf dem Wohnzimmertisch. Mit Einbruch der Dämmerung leuchtet das Handydisplay unentwegt auf, die eingehenden Nachrichten über WhatsApp überschlagen sich. Erste Videos werden gesendet. Die Informationen und die Bilder sind verstörend und beängstigend. Ein Wohnwagen verschwindet unter einer Brücke. Er wird von dem aufgewühlten Wasser und der massiven Steinbrücke zermalmt. Als diese Aufnahme gemacht wurde, war es noch hell. Später wird man erfahren, dass auch diese Brücke den Wassermassen nicht standhalten konnte.

An Schlaf ist für Beate Ort in dieser Nacht nicht zu denken. Jemand sendet ihr die Nachricht, die Kasinobrücke in Bad Neuenahr sei weggerissen. Um 1.03 Uhr schreibt ihr ihre Arbeitskollegin, dass sie vielleicht nicht ihren Frühdienst, der um 6 Uhr morgens beginnt, antreten kann. Videos von vorbeischwimmenden Autos werden gesendet. Bad Neuenahr ist geflutet. Irgendwann in dieser Nacht brechen die Handy- und Netzverbindungen ab.

Aufbruchsstimmung nach dem Schock

Gegen 5 Uhr am frühen Morgen bricht das Ehepaar Ort zur Arbeit auf. „Schweigend und mit angstvollem Gefühl legen wir die wenigen Kilometer nach Bad Neuenahr zurück. Niemand sonst scheint unterwegs zu sein. Es gibt nur uns.“ Oberhalb von Bad Neuenahr dringt beißender Geruch durch die Lüftung ihres Wagens. Es riecht nach unterschiedlichen Betriebsstoffen. Heizöl und Benzin. Ätzender Gasgeruch liegt in der Luft. Der Gestank von Moder und Schlamm hat sich untergemischt. „Wir ahnen, das Unfassbares in dieser Nacht geschehen ist.“

Die Luft ist staubig. Das Licht an diesem 15. Juli ist in ein farbiges Orange getaucht. Der Staub wird noch über Wochen in der Luft bleiben. Er ist mit Schadstoffen belastet.

Mittlerweile sind fast drei Monate vergangen. Es gibt weiterhin die Infopoints, es gibt die Essenausgabestationen, die es jedem ermöglichen, eine warme Mahlzeit am Tag zu sich zu nehmen, berichtet die 57-Jährige. Man könne eine zuversichtliche Aufbruchstimmung wahrnehmen. Der feuchte Putz sei abgeschlagen, viel Schutt konnte bereits beseitigt werden und der Sperrmüll ist von den meisten Gehwegen verschwunden.

Beate Ort: „Doch vor allen, die ihre Heimat so verwundet sehen und wieder aufbauen wollen, liegt noch ein weiter Weg.“ (Sylke Grede)

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