Geschichten über angebliche Straftaten

Soziologe warnt vor Gerüchten über Flüchtlinge: „Ängste werden befeuert“

Schwalm-Eder. Momentan sind auch im Schwalm-Eder-Kreis massive Gerüchte über angebliche Straftaten von Flüchtlingen im Umlauf.

So meldeten sich etwa Leser in der Redaktion und berichteten über den vermeintlichen Selbstmord einer Frau in Neustadt, nachdem sie von einem Flüchtling vergewaltigt worden sei.

Die zuständige Staatsanwaltschaft Marburg gab hingegen bekannt, dass es einen solchen Fall nie gegeben hat. Wir sprachen mit dem Rechtsextremismus-Experten Helge von Horn, woher solche Gerüchte kommen und wie sie verbreitet werden.

Herr von Horn, auch im Schwalm-Eder-Kreis kursieren momentan zahlreiche, massive Gerüchte über angebliche Straftaten von Flüchtlingen. Woher kommen solche Gerüchte?

Helge von Horn: Diese Gerüchte werden vor allem von Menschen erfunden und verbreitet, die generell ein Problem mit Flüchtlingen haben. Sie kommen also aus der extrem rechten Ecke. Flüchtlinge und Ausländer werden diskreditiert, um Ängste und Ablehnung in der Gesellschaft zu schaffen.

Wie meinen Sie das?

v. Horn: Hinter solchen Gerüchten stecken klare politische Interessen. Es gibt viele Menschen in Deutschland, die sich Sorgen machen um den Zuzug von Flüchtlingen. An diesen Sorgen setzen rechtsextremer Gruppen an und wollen durch die Verbreitung von erfundenen Straftaten diese Sorgen in Teilen der Bevölkerung verstärken, sodass Angst entsteht. So lassen sich mehr Leute von den politischen Interessen rechter Gruppen überzeugen. Um das zu erreichen, werden sogar Geschichten über angebliche Tötungsdelikte verbreitet.

Sind Ihnen denn aktuell besonders krasse Fälle von Gerüchten dieser Art im Schwalm-Eder-Kreis bekannt?

v. Horn: Es gibt im Schwalm-Eder-Kreis aktuell eine Vielzahl solcher Gerüchte. Zum Beispiel die angeblichen Steinewürfe von Flüchtlingskindern im ehemaligen Proviantamt in Fritzlar. Dafür gibt es keinerlei Beweise, außer ein über soziale Medien verbreitetes Foto, was die angeblichen Steinewerfer zeigt. Der Polizei und dem Sicherheitsdienst der Einrichtung sind aber ein solcher Vorfall nicht bekannt.

Wie werden diese Gerüchte verbreitet?

v. Horn: Vor allem über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. Denn über soziale Medien lassen sich diese Geschichten in rasanter Geschwindigkeit verbreiten. Der Verbreitungsgrad, gerade in sozialen Medien, ist immens.

Wie kommt es, dass sich solche Gerüchte meist dann auch noch hartnäckig halten, wenn die Polizei oder die Medien berichten, dass es solche Vorfälle nie gegeben hat?

v. Horn: Das hat damit zu tun, dass vom rechten Spektrum gleichzeitig die „Lügenpresse-Kampagne“ befeuert wurde. Dadurch entsteht in vielen Köpfen eine generelle Skepsis gegenüber offiziellen Verlautbarungen und Medienberichten.

Der Vorwurf lautet meist, dass Behörden und Medien solche Vorfälle bewusst vertuschen würden. Teilweise sind dabei Ansätze von Verschwörungstheorien zu erkennen. Ist ein Gerücht erstmal in der Welt, ist es fast unmöglich, entgegen zu wirken.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man auf solche Gerüchte stößt?

v. Horn: Das wichtigste ist eine Prüfung der Quellen. Diese erfundenen Vorfälle werden meist über vermeintlich seriöse Nachrichtenportale gestreut. Bei genauerer Betrachtung stellt man aber häufig fest, dass dahinter Rechtspopulisten sitzen. Es lohnt sich auch immer selbst zu recherchieren und sich nicht mit einer einzigen Quelle zufrieden zu geben.

Helge von Horn

Zur Person: Helge von Horn studierte Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaft an der Technischen Universität Braunschweig. Seitdem hat der Kasseler in zahlreichen Projekten mitgearbeitet, die der Aufklärung und der Prävention im Bereich Rechtsradikalismus dienten. Er leitet Fortbildungsveranstaltungen. Seit 2008 arbeitet der 38-Jährige als Berater für das Beratungs-Netzwerk Hessen. Er ist Mitarbeiter des Projekts „Gewalt geht nicht“ im Schwalm-Eder-Kreis.

Rubriklistenbild: © dpa

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