Vor 75 Jahren: Knapp 100 Spanier waren im STALAG IXA Ziegenhain interniert

Aus Spanien in die Schwalm

Der Wimpel für die sogenannten „Rotspanier“ im KZ Mauthausen.

Schwalmstadt. Neue Rechercheergebnisse über die Lebenswege von Kriegsgefangenen des STALAG IX A Ziegenhain belegen, dass im August 1940 91 Spanier im Lager Ziegenhain interniert waren. Ihre Namen und persönlichen Daten wurden in den Archiven des Spanischen Kultusministeriums und des KZ Mauthausen von dem ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gedenkstätte, Werner Schwalm, ermittelt.

Einer von ihnen war Manuel Bolaños Diaz, geboren am 15. Mai 1912 in Puerto Real, Cádiz, Andalusien. Im August 1940 befand er sich als Kriegsgefangener der französischen Armee im STALAG Ziegenhain. Am 13. August 1940 wurde er im sogenannten „3. Konvoi“ über Kassel in das KZ Mauthausen-Gusen transportiert und dort am 29. Dezember 1941 hingerichtet.

Wie können Spanier Kriegsgefangene werden, obwohl Spanien doch gar nicht am Zweiten Weltkrieg teilgenommen hatte?

In Spanien hatte eine sozialrevolutionäre Volksfront die Wahlen vom Februar 1936 gewonnen und tiefgreifende Boden- und Kirchenreformen auf den Weg gebracht, woraufhin General Franco gegen die Regierung putschte, mit ihm ergebenen Kolonialtruppen in Spanien landete und einen drei Jahre dauernden Bürgerkrieg entfachte. Nach dem Fall Barcelonas, dem Zentrum der regierungstreuen Truppen, im Januar 1939 begann eine Massenflucht.

Nach Schätzungen von Historikern waren gegen Ende des spanischen Bürgerkriegs 1939 etwa 500 000 republikanische Spanier vor dem Franco-Regime nach Frankreich geflüchtet, wo sie zunächst in Internierungslagern untergebracht wurden und den französischen Behörden ausgeliefert waren. Sie wurden gezwungen, entweder für Frankreich in den „Compagnies de Travailleurs Etrangers“ (CTE) zu arbeiten oder in der französischen Armee zu kämpfen.

Nach der Niederlage und Besetzung Frankreichs im Juni 1940 wandelte die französische Regierung unter Pétain die CTE zu zivilen Zwangsarbeitsgruppen, den „Groupes des Travailleurs Etrangers“ (GTE) um und übergab sie den deutschen Besatzern, in der Hoffnung für jeden Spanier einen Franzosen einsparen zu können. So landen viele republikanische Flüchtlinge bei der Organisation Todt und bauen u.a. die U-Bootbunker in Bordeaux, Cherbourg, La Rochelle und St. Nazaire.

Alle in Frankreich aufgegriffenen Spanier waren im Nazi-Jargon „Rotspanier“. Sie erhielten in den KZ einen eigenen Winkel. Neben den sogenannten „Transportspaniern“ der Organisation Todt wurden die in der französischen Armee dienenden Soldaten zu Kriegsgefangenen der Wehrmacht und vorübergehend in Frontstalags und dann in Kriegsgefangenenlagern festgehalten.

Auf Anweisung Heinrich Himmlers sollten alle Spanier in Schutzhaft genommen werden. Auch die kriegsgefangenen Spanier der französischen Armee galten nunmehr explizit als politische und ideologische Gegner, die nicht weiter der Wehrmacht, sondern der SS und Gestapo unterstanden. Sie wurden in den Stalags, so auch in Ziegenhain, selektiert und in Konzentrationslager verbracht.

Mauthausen und sein Nebenlager Gusen war das Lager für Spanier. Von rund 10 000 deportierten Spaniern kamen über 7000 nach Mauthausen und Gusen.

Als Soldaten der 11. Panzerdivision das Lager am 5. Mai 1945 befreiten, hatten nur etwa 1500 Spanier die Haftbedingungen überlebt.

Von Bernd Lindenthal

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