66-jähriger Joseph Aulnette radelt 1800 Kilometer und machte Halt in der Schwalm

Auf den Spuren des Vaters

Station in Trutzhain: Der 66-Jährige Franzose Joseph Aulnette fährt mit seinem Fahrrad quer durch Europa. In dem Wagen hinter ihm wird er von seiner Familie begleitet. Aufgedruckt ist er selbst vor dem Haus der Aulnettes in der Bretagne und die Route der Fahrradtour. Foto:  Rohrbach

Schwalmstadt. Klitschnass und in eine schwarze Regenmontur gehüllt, kommt der 66-jährige Franzose auf seinem Fahrrad an der Gedenkstätte Trutzhain an. Kein Meckern über das Wetter - Joseph Aulnette steht voll und ganz hinter seinem Vorhaben: Er möchte mit dem Fahrrad 1800 Kilometer quer durch Europa zurücklegen.

Aulnette sucht auf seiner Route Orte auf, an denen sein Vater Théophile nach dessen Gefangennahme vorbeigekommen oder länger geblieben ist. Er habe „Théo“ früher viel über die Vergangenheit ausgefragt und möchte nicht, dass seine Spuren verblassen, sagt der 66-Jährige.

Théophile Aulnette wurde nach der Gefangennahme in Hesdin (Pas-de-Calais) dem Kriegsgefangenenlager Stalag IXA Ziegenhain zugeteilt und in verschiedenen Arbeitskommandos eingesetzt: Er baute mit an der Straße von Stadtallendorf nach Kirchhain, arbeitete auf einem Bauernhof bei Bebra und baute Kupferschiefer in Sontra ab. Nach 1776 Tagen in Gefangenschaft befreiten ihn dort amerikanische Truppen am 1. April 1945.

Solange unterwegs wie Vater

Der Heimweg von Théo Aulnette dauerte 24 Tage bis nach La Bosse-de-Bretagne in Westfrankreich. In Anlehnung an diese Heimreise begann Joseph Aulnette seine Fahrradtour am 1. April in Sontra und möchte am 24. April um genau 16 Uhr am Grab seines Vaters in La Bosse-de-Bretagne ankommen - zum gleichen Zeitpunkt, an dem dieser 1945 heimkehrte.

Die erste der meist 80 Kilometer langen Etappen führte Joseph Aulnette von Sontra unter anderem in das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag IXA Ziegenhain in Schwalmstadt-Trutzhain. Dort besuchte er jetzt die Gedenkstätte und das Museum. Er hat außerdem vor der Reise einen früheren Mitkriegsgefangenen seines Vaters ausfindig gemacht, der noch heute in der Bretagne lebt. Dieser schuf eine Statue, die in der Gedenkstätte steht. Aulnette schaute sie sich an, während er mit dem Künstler telefonierte.

Begleitet wird er von seiner Frau, seinen drei Brüdern und dessen Frauen mit zwei Autos. Nur die Schwester Madelaine ist zu Hause geblieben.

Aufkleber an Fahrzeugen

An die Rückseiten der Autos und des Fahrrads hat Aulnette die Nummer 14912 geklebt - die Kriegsgefangenennummer seines Vaters. Einer der Wagen ist für die Reise außerdem mit Bildern der Familie und der Routenplanung bestückt. Der 66-Jährige ist sichtlich stolz auf diese Aufkleber.

Die Familie gastiert vorwiegend bei Privatpersonen und auch in Herbergen. Der Gießener Werner Schwalm zum Beispiel hilft als Übersetzer und bei der Unterbringung.

„Ich kann beim Fahrradfahren besser denken und mir Einfälle sofort per Diktierfunktion auf dem Smartphone notieren“, sagt Aulnette. Er schreibt seine Erlebnisse täglich auf dem Blog www.surlespasdetheo.com nieder. An Weihnachten 2015 soll auch ein Buch über seine Reise herauskommen.

„Ich fahre bei Wind und Wetter mit dem Rad, dafür habe ich schließlich genau ein Jahr lang 10 000 Kilometer trainiert“, sagt Aulnette. Zuvor war er 25 Jahre lang Bürgermeister des bretonischen Örtchens Ranné in Westfrankreich und hatte deshalb keine Zeit für die Fahrradtour.

Von Rebecca Rohrbach

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