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Sylvia Schenk ist Kämpferin gegen Korruption und Doping

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Ausriss aus der Schwälmer Allgemeinen von August 1970, Bildunterschrift: Die Hessenmeister des ESV Jahn Treysa wurden vom Magistrat der Stadt Treysa geehrt. Links die Juniorinnen im Fünfkampf Renate Born, Annechristel Spanknebel und Helga Lampp, daneben die Staffel des ESV mit Sylvia Schenk, Doris Ide und Martina Garncarz. REPRO: HNA
Ausriss aus der Schwälmer Allgemeinen von August 1970, Bildunterschrift: Die Hessenmeister des ESV Jahn Treysa wurden vom Magistrat der Stadt Treysa geehrt. Links die Juniorinnen im Fünfkampf Renate Born, Annechristel Spanknebel und Helga Lampp, daneben die Staffel des ESV mit Sylvia Schenk, Doris Ide und Martina Garncarz. REPRO: HNA © HNA

Sylvia Schenks sportliche Wurzeln liegen in Treysa. Die Olympiateilnehmerin und Juristin Sylvia Schenk brachte es bis in den Menschenrechtsbeirat der FIFA.

Treysa – Immer mal wieder kommt Sylvia Schenk nach Treysa zurück, meist zu Klassentreffen. Hier machte sie Abi, hier entwickelte sie sich zum herausragenden Leichtathletiktalent. Der Sport prägt auf vielschichtige Art und Weise ihr ganzes Leben. Heute sagt die 70-Jährige: „Meine sportlichen Grundlagen liegen in Treysa.“

Als „Bundeswehrkind“ war es Sylvia Schenk gewohnt, oft mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester umzuziehen. Da ihr Vater Arzt war immerhin nicht alle zwei Jahre, sondern „nur“ alle vier. In den Sechzigerjahren kam ihre aus Niedersachsen stammende Familie so zuerst nach Homberg, 1967 dann nach Treysa. 1970 legte Sylvia Schenk am Schwalmgymnasium ihr Abitur ab, da feierte sie bereits große Erfolge, ihr Verein war der ESV Jahn Treysa.

Dem ESV blieb sie noch als Jura-Studentin in ihrer Marburger Zeit treu, doch als sie Ende 1971 nach Frankfurt/M. wechselte, wurde die Eintracht Frankfurt ihr Stammverein. Da stand sie schon weit oben, hatte die Silbermedaille bei den Junioren-Europameisterschaften 1970 errungen. 1972 wurde sie Deutsche Meisterin im 800-Meter-Lauf, Platz zehn bei den Olympischen Spielen 1972 in München, Starterin bei den Leichtathletik-Europameisterschaften 1971 und 1974.

Meisterin der Mittelstrecke: Dieses Foto von Sylvia Schenk ist nicht datiert oder näher beschrieben. Es stammt aus dem Bildarchiv unserer Zeitung.
Meisterin der Mittelstrecke: Dieses Foto von Sylvia Schenk ist nicht datiert oder näher beschrieben. Es stammt aus dem Bildarchiv unserer Zeitung. © privat

Sylvia Schenk kämpfte gegen Vorurteile gegenüber des Frauen-Sports

Schon als Schülerin hatte Sylvia Schenk aber auch begonnen, sich näher mit den Strukturen im Sport auseinanderzusetzen. Es war die Zeit, als die Trimm-dich-Bewegung mächtig Fahrt aufnahm. „Sport ist nicht nur Männersache“ wurde auf Plakaten verkündet. Damals bekam die junge Ausnahmeathletin so überkommene Sprüche zu hören wie: Die 800- oder gar 1500-Meter-Strecke ist für Mädchen viel zu hart – davon bekäme sie nur dicke Waden. Da war es Frauen in Deutschland noch nicht erlaubt, Fußball zu spielen, das Verbot stammt noch aus der Nazizeit. Dies wurde, erzählt Sylvia Schenk, erst in den Siebzigern aus der Satzung gestrichen. Zum Beispiel an Boxen für Frauen war gar nicht zu denken – olympisch wurde es doch, 2012.

Ungleichbehandlung und Ausschluss im Sport führten die junge Juristin direkt zu der Materie, die sie bis heute umtreibt: Menschenrechte. Denn sie ist überzeugt: Sportgeschichte und Sozialgeschichte korrespondieren ganz eng.

Karriere nach der Sportlaufbahn

Nach wie vor ist die Siebzigjährige, Trägerin des Bundesverdienstkreuzes am Bande, in einer Anwaltskanzlei in Frankfurt als Beraterin aktiv. Und nach wie vor engagiert sie sich – stets ehrenamtlich – in hochrangigen Gremien für Gleichstellung in Sport und Gesellschaft und gegen Korruption und Doping. Im Thema Frauenfußball ist sie genauso drin wie in den Menschenrechtsfragen rund um die WM in Katar. Gern möchte sie als Volunteer hinreisen. Weniger, um Partien zu sehen – Beobachterin möchte sie sein. Sylvia Schenk: „Es ist nicht alles gut in Katar, aber es gab gute Entwicklungen.“

Aktuell leitet sie die Arbeitsgruppe Sport von Transparency International/Deutschland, zahlreiche weitere Arbeitsgruppen säumen ihren Weg, so die Mitgliedschaft im Menschenrechtsbeirat der FIFA oder im Kuratorium Deutscher Nachhaltigkeitspreis.

Gummitwist und Hickelhäuschen

Fragt man Sylvia Schenk, wofür sie gern einmal die Werbetrommel rühren würde, wird man überrascht: Bewegung im Alltag. Die Förderung von Sport im Verein sei wichtig und löblich, doch sei der Schritt in den Vereinssport eben auch mit einer Hemmschwelle belegt. Ganz entscheidend sei für jeden, Bewegung in den Alltag einzubauen.

Studien würden etwa belegen, dass bis in die Fünfzigerjahre etwa 100 Bewegungsspiele bekannt gewesen seien, noch in den Siebzigern sei unter Kindern und Jugendlichen etwa Gummitwist und Hickelhäuschen übliches Spiel gewesen. Es sei sehr bedauerlich, dass das meiste davon verloren gegangen sei. Niedrigschwelliges Bewegen sei nämlich für alle essenziell gegen massenhafte Gesundheitsprobleme von Diabetes bis Fettleibigkeit. Das Bewusstsein für Bewegung im Alltag müsse sich verbessern. Sylvia Schenks erster einfacher Tipp: Immer Treppen steigen, auf den Fahrstuhl verzichten.

Zur Person: Sylvia Schenk

Sylvia Schenk, geboren 1952, verheiratet, eine Tochter, Enkelkinder, Mitglied in der SPD, arbeitet als Rechtsanwältin mit den Schwerpunkten Compliance, Sportrecht, Menschenrechte in Frankfurt/M. Nach dem Abitur in Treysa, Studium und beiden Staatsexamen war sie Arbeitsrichterin in Offenbach, von 1989 bis 2001 hauptamtliche Stadträtin, Dezernentin für Recht, Sport, Frauen und Wohnungswesen von Frankfurt/M. Die Deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin 1972 im 800-Meter-Lauf ist seit Jahrzehnten ehrenamtlich in Verbänden, Beiräten und Gremien engagiert.

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