Teichunglück in Neukirchen

Da er keine Maßnahmen zur Sicherheit ergriff: Bürgermeister schuldig am Tod von drei Kindern

Beim Teichunglück in Neukirchen (Nordhessen) sind 2016 drei Kinder ertrunken. Der Bürgermeister wurde für schuldig am Tod der Kinder erklärt. So lautet das Urteil.

  • In einem Feuerlöschteich im nordhessischen Neukirchen im Schwalm-Eder-Kreis sind 2016 drei Kinder ertrunken.
  • Aus diesem Grund stand Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich vor Gericht.
  • Das Urteil ist gefallen, der Verteidiger fordert Freispruch.

Schwalmstadt – Überraschung im Prozess gegen Neukirchens Bürgermeister Klemens Olbrich um die drei im Teich in Neukirchen-Seigertshausen ertrunkenen Kinder: Das Amtsgericht in Treysa verurteilte den Verwaltungschef wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen durch Unterlassung zu einer Geldstrafe in Höhe von 12.000 Euro, zahlbar in 100 Tagessätzen.

Außerdem muss Olbrich 4000 Euro an das Familienzentrum in Homberg zahlen und die Kosten des Verfahrens übernehmen. Die Strafe wurde für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Das Urteil zum Teichunglück in Neukirchen ist noch nichts rechtskräftig

Olbrichs Verteidiger Karl Christian Schelzke erklärte, dass er seinem Mandanten empfehlen werde, in Berufung zu gehen. Die Berufungsverhandlung wird dann am Landgericht Marburg stattfinden.

Teichunglück Neukirchen: Bürgermeister schuldig am Tod der drei Kindern

Hätte der Tod der drei Kinder, die im Juni 2016 in einem Teich im Neukirchener Ortsteil Seigertshausen ertrunken sind, durch entsprechende Sicherungsmaßnahmen wie Gitter, aussagekräftigere Schilder und Rettungsleinen verhindert werden können? 

Trägt der Bürgermeister von Neukirchen, Klemens Olbrich, eine Schuld an dem Tod, weil er die allgemeine Gefährdung durch den Teich nicht erkannte oder nichts dagegen unternahm? Darum ging es in dem Verfahren zum Teichunglück, das vor dem Amtsgericht in Treysa stattfand und am Donnerstag mit einem Urteil endete.

Darin entsprach Amtsrichterin Mareike Pöllmann weitgehend den Argumenten der Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier, die im Anschluss an ihr Plädoyer eine Verurteilung des Bürgermeisters wegen fahrlässiger Tötung durch Verletzung der Verkehrssicherungs- und Sorgfaltspflicht gefordert hatte. 

In ihrer Urteilsbegründung betonte die Richterin, dass die Stadt Neukirchen als Eigentümerin des Teichgeländes verpflichtet sei, für die Sicherheit auf dem Gelände zu sorgen. In Person sei das letztlich der hauptamtlich tätige Bürgermeister, er trage die Verantwortung.

Teichunglück Neukirchen: Bürgermeister hätte Beschlüsse herbeiführen müssen

„Wir müssen hier feststellen, wann etwas falsch gelaufen ist“, sagte Richterin Pöllmann. Für sie kamen viele verschiedene Faktoren zusammen, die letztlich zu der Verurteilung führten. Mögliche Risikopotenziale des Teiches in Neukirchen, zum Beispiel die Tiefe und die glitschige, steile Böschung aus Pflastersteinen, die zu dem Teichunglück geführt hätten, seien nicht ausreichend erkannt und in der Folge nicht beseitigt worden.

Bei dem Teich handele es sich zudem nicht um einen Naturraum, sondern „Menschen haben auf den Teich eingewirkt, ihn durch Umbauten verändert“, so Pöllmann weiter.

Die Gefährdung gerade für Kinder sei dadurch noch erhöht worden. Außerdem habe die Stadt das gesamte Gelände durch neue Wege, eine Grillhütte und ein Beachvolleyballfeld attraktiver gemacht. „Sie wollten, dass die Menschen sich dort aufhalten“, sagte die Richterin. 

Ihrer Meinung nach hätte Bürgermeister Klemens Olbrich Beschlüsse der kommunalen Gremien wie Magistrat oder Stadtverordnetenversammlung in Sachen Verkehrssicherung herbeiführen müssen und auch können – selbst wenn diese solche Maßnahmen abgelehnt hätten.

Teichunglück Neukirchen: Zunächst als Unglücksfall bezeichnet

Der Tod der drei Kinder sei tragisch, jedoch von den Ermittlern vor dreieinhalb Jahren zunächst eindeutig als Unglücksfall bezeichnet worden, an dem kein Fremdverschulden erkennbar war, sagten Olbrichs Verteidiger Karl Christian Schelzke und Dr. Ricarda Schelzke in ihrem Plädoyer.

In zahlreichen anderen Fällen ertrunkener Kinder habe die Staatsanwaltschaft jeweils das Verfahren eingestellt. Zunächst sei von einem Löschwasserteich in Neukirchen-Seigertshausen die Rede gewesen, für den es feste Vorschriften gebe. 

„Jetzt ist der Löschwasserteich kein Thema mehr, was also bleibt als Vorwurf?“, fragte Schelzke. Es gebe schließlich keine generelle Pflicht, Gewässer zu sichern.

Teichunglück Neukirchen: Verteidigter empfiehlt Bürgermeister Berufung

Ungeklärt blieb seiner Meinung nach auch die Frage, an welcher Stelle des Teiches in Neukirchen-Seigertshausen die Kinder gespielt haben und ins Wasser gefallen sind: im eher flachen oder im gepflasterten Uferbereich. Zudem sei der Damm von den Seigertshäusern selbst angelegt worden. „Niemand hat nach dem Umbau im Teich, den es seit 200 Jahren im Ort gibt, eine besondere Gefahrenquelle gesehen“, betonte er. Mit so einem Teichunglück hatte niemand gerechnet.

Es gebe keine Pflicht, die Menschen vor allen Risiken des Lebens zu schützen, solange sie erkennbar seien, ergänzte Dr. Ricarda Schelzke. Beide plädierten deshalb auf Freispruch. Angesichts der Verurteilung kündigte Karl Christian Schelzke an, in Berufung zu gehen. Das Urteil ist daher noch nicht rechtskräftig. Viele Bürger zeigen mittlerweile bei einer Demonstration ihre Solidarität für den Bürgermeister von Neukirchen. 

Von Matthias Haass

Teichunglück Neukirchen: Bürgermeister weist Schuld am Tod von sich

Nach dem Teichunglück, bei dem drei Kinder ertranken, steht der Bürgermeister von Neukirchen Klemens Olbrich vor Gericht. Zu Beginn der Verhandlungen im Januar wies er die Schuld am Tod der Kinder von sich.

Von Ulrike Lange-Michael

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Rubriklistenbild: © Archivfoto: Katja Rudolph

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