Eine Welle der Zerstörung 

Treysa 1938: Beim November-Pogrom wurden Kinder instrumentalisiert

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Stumme Zeugen: Mehr als 100 Gräber gibt es auf dem jüdischen Friedhof in Treysa. 1845 gab es dort die erste Bestattung, 1939 die letzte. In der Mitte der Grabstein von Moritz Moses. Der Treysaer wurde 1935 in Ziegenhain brutal erschlagen.

Treysa. Die früher als Kristallnacht verharmlosten Übergriffe gegen Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fanden in Kurhessen vielerorts schon früher statt, so auch in Treysa am helllichten Vormittag des 9. November.

Ortsgruppenleiter Georg Bachmann hatte sich vom Rektor der Stadtschule, Reinert, 40 bis 50 Schuljungen im Alter von 8 bis 14 Jahren beurlauben lassen. Er gab ihnen auf dem Schulhof nähere Anweisungen und führte sie zu dem nahe gelegenen Haus Schwalm, Am Angel 11, wo er sie mit den Worten „Na, Jungens, ich will mal sehen, wer von euch am besten werfen kann“ dazu ermunterte, die Fensterscheiben einzuwerfen.

Anschließend zogen die Schüler zu der Wohnung Simon Matthias in der Braugasse, wo der Kraftfahrer Hans Knauf die Führung übernahm. Mit einer Stange, die Matthias vergeblich abzuwehren versuchte, wurden die Fenster und die Türfüllung der Haustür eingestoßen. Knauf packte Matthias am Genick und jagte ihn in der Wohnung herum. Die inzwischen eingedrungenen Jungen zerstörten die Einrichtung der Wohnung. Ohne Erfolg versuchte seine Frau dem Treiben Einhalt zu gebieten mit dem Hinweis, ihr Mann habe im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat ein Auge verloren und das Eiserne Kreuz erhalten. Bachmann forderte die mittlerweile eingetroffenen Schüler der Oberschule zum Mitmachen auf.

Vom Hause Matthias zog die Horde zum Marktplatz und drang in das Geschäft von Josef Abraham ein, das restlos ausgeplündert wurde. Karl Zulauf, damals Lehrling bei der Stadtverwaltung, konnte die Vorgänge aus dem Rathaus heraus mit ansehen: „Wir hörten den Lärm der Schüler, die in das Geschäft von Josef Abraham eindrangen, Schaufenster einwarfen usw.“ Er erkannte einige 11- bis 13-jährige Schüler und sah Bettfedern auf dem Rathausplatz herumfliegen. Er beobachtete auch die Aktion an der Synagoge im Neuen Weg: „Dort lag die Gebetsrolle vor der Tür, Jugendliche machten sich in der Synagoge zu schaffen, und aus einem oberen Fenster der Wohnung Plaut warf ein älterer Treysaer Einwohner Würste heraus.“ Gebrannt hat die Synagoge, ein einfaches Fachwerkhaus, wegen der engen Bebauung nicht.

Das nächste Objekt der Zerstörung war das Baustoff- und Eisenwarengeschäft von Abraham Katzenstein II. in der Wagnergasse 22, dessen Warenbestände ebenfalls herausgerissen wurden. Auf dem jüdischen Friedhof an der Wasenberger Straße wurden Grabsteine zerschlagen. Am Abend drangen mehrere Erwachsene in die Wohnung der Familie Levi (Friedrich-Ebert-Str./Ecke Wiegelsweg) ein, schleppten den 69-jährigen Mann auf die Eisenbahnbrücke und zwangen ihn, von dort mehrmals in die Schwalm zu springen.

Die Mobilisierung von Kindern gibt dem Pogrom in Treysa eine besonders scheußliche Note.

Die Ereignisse sind unmittelbar nach dem Kriege in mehreren Gerichtsverfahren aufgerollt worden, waren aber danach lange verdrängt. Geschichtswissenschaft kennt weder einen Schlussstrich noch kann sie düstere Kapitel übergehen.

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