Ein Überleben ohne Eltern

Kindertransporte retteten Leben von Treysaer Jugendlichen

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Eng verbunden: Hans Spier mit seinem Opa Juda aus Merzhausen.

Am Wochenende werden in Treysa Stolpersteine für zwei jüdische Kinder und ihre Familien verlegt. Wir stellen exemplarische Schicksale vor.

Der Treysaer Jürgen Junker hat sich im Zusammenhang mit einem Schulprojekt, das vom Evangelischen Forum Schwalm-Eder gefördert wird, mit dem Schicksal der beiden Kinder beschäftigt:

Doris Mathias und Hans Spier überlebten den Holocaust, weil ihre Eltern sie mit einem Kindertransport nach England schickten. Hans war 11 und Doris war 10, als sie aus Nazi-Deutschland herauskommen konnten. Beide Familien warteten auf ein Wiedersehen, und erhofften es, aber in beiden Fällen vergebens – die Eltern wurden im Juni 1942 deportiert.

Auf dem Schulhof war Hans Spier Anfeindungen ausgesetzt

Hans Spier war das einzige Kind der Eheleute Willi und Rosel Spier (geb. Seelig). Er wurde 1928 in Treysa zu Hause im Walkmühlenweg geboren. Die Familie väterlicherseits stammte aus Merzhausen. Hans machte in der Schule in Treysa nicht nur gute Erfahrungen. Nach 1935 war er zunehmend Anfeindungen ausgesetzt, auch auf dem Schulhof. Kinder weigerten sich ihm ein Geburtstagslied zu singen, weil sie „für Juden nicht singen“.

Ab 1938 besuchte Hans Spier eine jüdische Schule in Frankfurt und lebte dort im Waisenhaus der Flersheim-Sichel-Stiftung. Mit der Pogromnacht im November 1938 nahmen die direkten Angriffe auf das Waisenhaus zu.

Während in Treysa Hans’ Vater Willi nach einem Aufenthalt im KZ Buchenwald an einem Beinleiden laborierte, zeichnete sich für den Jungen in Frankfurt die Ausreise ab. James Armand de Rothschild, Mitglied des britischen Parlaments, fasste den Entschluss, alle Bewohner der Flersheim-Sichel-Stiftung, darunter auch Hans Spier, in einem Landhaus in Südengland, aufzunehmen.

Eheleben und Existenzgründung in England

In Waddesdon wurde die Gruppe der Kinder bald als die „Cedar boys“ bekannt, weil vor dem Landhaus, in dem sie unterkamen, zwei Zedern standen. Hans besuchte die Church-of-England-School und entschied sich dann, das Bäcker- und Konditorhandwerk zu erlernen. Darin machte er auch seinen Meister.

1945 erhielt Hans Spier durch das Rote Kreuz die traurige Gewissheit des Todes seiner Eltern im Lager. Erst als er Dora Violet Magdalen Marsall kennenlernte, entschied er sich endgültig für England. Sie bauten zusammen eine Bäckerei mit später drei gut gehenden und anerkannten Filialen auf. Das Paar heiratete am 22. Januar 1949. Aus der Ehe gingen sechs Töchter hervor.

Hans Spier besuchte zwei Mal seine Vaterstadt, 1950 zusammen mit seiner jungen Frau, und 1999 mit seiner Tochter Margaret, die morgen auch in Treysa sein wird. Vom Besuch im Jahr 1999 berichtet ein Artikel der HNA. Darin sagte Hans, seit 1980 Jack, Spier: „Nein, böse bin ich nicht. Ich bin traurig über das, was geschehen ist. Ich bin traurig, dass viele Menschen sich nicht an das damalige Geschehen erinnern wollen.“

Familie Mathias lebte in der Treysaer Braugasse

Doris Henriette Mathias wurde als einziges Kind der Eheleute Simon und Johanna Mathias, geborene Rosenbusch, in Treysa geboren. Die Familie lebte in der Braugasse, wo Simon im Wohnhaus der Familie parterre einen kleinen Laden hatte. Der Vater war Eisenwarenhändler und galt als nationalbewusster jüdischer Deutscher, der von Deutschland nur Gutes erwartete. 

Doris Mathias wurde Ostern 1936 in die Volksschule in Treysa eingeschult, seit 1922 gab es keine jüdische Elementarschule mehr, weil die Schülerzahl zu klein geworden war. Am 9. November 1938 sind Schulkinder und Jugendliche unter Leitung des Gruppenführers Bachmann mit Stangen in Simon Mathias’ Laden eingedrungen, nachdem sie mit Steinen die Scheiben des Modehaus Schwalm eingeworfen hatten. 

In der Braugasse in Treysa lebte die Familie Mathias. Dort werden morgen Stolpersteine verlegt.

Doris bekam an diesem Tag in ihrer Klasse vom Lehrer etwa um die Mittagszeit mitgeteilt, dass der Schultag für sie jetzt zu Ende sei und dass sie nach Hause gehen solle. Von da an war es ihr unmöglich eine Schule zu besuchen, die Familie Mathias blieb erschrocken und eingeschüchtert zu Hause, die Kontakte zu Nachbarn nahmen ab, wie Doris Mathias Guttentag im Interview mit Yad Vashem 2009 berichtet. Ihre Mutter war es, die die Ausreise vorantrieb. Von der Möglichkeit des „Kindertransportes“ hatte sie gehört. Im Mai 1939 brachte sie ihr Vater Simon nach Hannover zum Bahnhof. Von dort fuhr die zehnjährige Doris mit dem Zug nach Holland um von Hoek of Holland mit dem Schiff nach Harwich um dann nach London zu gelangen. Dort wurde sie von ihrer Tante Fanny in Empfang genommen. 

Leben in England und Israel

In London hat Doris ihre Schulzeit beendet und eine Ausbildung zur Sekretärin absolviert. Sie heiratete 1949 Max Guttentag, einen englischen Juden, dessen Familie seit Langem in England ansässig war. Dann ging das junge Paar nach Israel, dort arbeitete Doris Mathias Guttentag als Sekretärin in einem Kibbuz, drei ihrer vier Söhne sind dort geboren. 1955 gingen sie nach England zurück. 

Seit 1992 lebt Doris Mathias wieder in Israel. Ihr Mann Max ist inzwischen verstorben. Ihre Kinder sowie Enkel und Ur-Enkel freuen sich auf ihren 90. Geburtstag im Oktober 2019.

Hintergrund: Kindertransporte

Anderthalb Millionen jüdische Kinder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. 15 500 überlebten dank der neun Monate währenden Rettungsaktion „Kindertransporte“. Doris Mathias und Hans Spier waren zwei von ihnen. Ihnen und ihren Familien zum Gedenken werden am morgigen Samstag, 4. Mai, ab 13 Uhr in der Braugasse in Treysa unter Beteiligung von Schülern und Angehörigen Stolpersteine verlegt.

Lesen Sie auch: Stolpersteine in Treysa verlegt.

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