Antworten auf die große Not

Pfarrer Franz v. Roques brachte die Diakonie auf den Weg

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Pfarrer Franz von Roques: Namensgeber der Kirchengemeinde.

Treysa. Zwei historische Persönlichkeiten aus Treysa hießen Franz v. Roques. Nach dem Weltkriegsgeneral erinnern wir nun an den bedeutenden Geistlichen und Namensgeber der Kirchengemeinde.

Seit 2010 gibt es die Evangelische Kirchengemeinde Franz von Roques in Schwalmstadt. Aber wer war eigentlich ihr Namensgeber? Nicht der Weltkriegsoffizier, der kürzlich in der HNA vorgestellt wurde, beide waren aber sicherlich verwandt.

Franz v. Roques mit den Lebensdaten 1826 bis 1887 war ein Pionier der Diakonie in Nordhessen im 19. Jahrhundert. Auf seine Anstöße gehen Hephata, das Kurhessische Diakonissenhaus in Kassel und der CVJM-Landesverband Kurhessen-Waldeck zurück.

In einer Zeit des Umbruchs in Gesellschaft und Kirche wirkt Franz von Roques, Nachfahre hugenottischer Glaubensflüchtlinge, als Pfarrer in Treysa. 1826 in Marburg geboren, wächst er in Treysa im Pfarrhaus in der Burggasse auf und wird 1851 selbst Pfarrer in seiner Heimatstadt.

Franz von Roques wird zum Motor der Bewegung

In dieser Zeit, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wird die Welt mobiler und technisierter. 1850 wird als erste Bahnlinie die Main-Weser-Bahn eröffnet, Treysa wird Haltepunkt. Die Straßenverbindung Kirchhain–Hersfeld wird neu gezogen. 

Beides sind sichtbare Zeichen einer neuen Zeit. Die Industrialisierung kommt nach Deutschland und schreitet schnell voran. Damit verbunden ist bald die Verelendung der Arbeiter durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, besonders in den neuen Industriezentren, aber spürbar auch in Treysa.

Als Antwort auf diese Not entsteht in der evangelischen Kirche allmählich die „Innere Mission“, die Vorläuferin der heutigen Diakonie, zunächst vor allem in Großstädten, wo die Not am größten ist. Aber Pfarrer Franz von Roques wird angesteckt von ihren Idealen und wird sich zum Motor der Bewegung in Nordhessen entwickeln.

Gedenktafel: Sie erinnert an den Metropolitan, seine Frau und weitere Familienmitglieder. 

Noch vor seiner Ordination zum Pfarrer, im Juni 1851, gründet Franz von Roques einen „Jünglingsverein“, der es gleich auf 133 Mitglieder bringt. An fünf Abenden in der Woche treffen sich die jungen Männer und erhalten von Ehrenamtlichen aus der Stadt Unterricht im Rechnen, deutscher Sprache, Geographie und Geschichte. Es wird auch viel gesungen und diskutiert, all das um den Horizont der jungen Menschen zu erweitern. Die zwei restlichen Abende sind für Bibelstunden reserviert.

Angetrieben durch den großen Erfolg

Angetrieben durch den großen Erfolg hilft von Roques bald weit über Treysa hinaus, solche Vereine aufzubauen und gründet 1852 den Kurhessischen Landesverband der Jünglingsvereine. Der CVJM-Landesverband Kurhessen-Waldeck führt ihn daher als Begründer. Der von ihm 1852 eingeführte einheitliche Bibelleseplan für alle Jünglingsbünde ist ein Nebenprodukt dieser Arbeit, Keimzelle für heutige Bibellesepläne.

Ebenfalls 1852 initiiert er die Einrichtung eines Arbeitshauses im Hainer (Hainaer) Hof, dem damals städtischen Gebäude in der Burggasse 6. Wer Unterstützung braucht, muss zum Arbeitshaus kommen und dort arbeiten: „Keine Unterstützung ohne Gegenleistung.“ Das Modell greift schnell: Gleich zu Beginn kommen hier 14 Männer und zehn Frauen zusammen und erledigen Aufgaben wie Holzzerkleinern, Körbeflechten und Spinnen. Im Jahr 1860 sind es schon 57 Erwachsene.

Ebenfalls im Hainer Hof entsteht eine „Rettungsanstalt für verwahrloste Knaben und Waisen“, also Straßenkinder. Franz von Roques zieht als Hausvater hier ein. Gut 40 Kinder erhalten Unterkunft, Verpflegung und Kleidung und werden nachmittags zusätzlich zur Schule noch weiter unterrichtet. 

Was noch alles von Roques anschob, wie er die Wurzeln Hephatas legte und und wie er Nothilfe organisierte, lesen Sie in einer weiteren Folge am Wochenende in der Print-Ausgabe. 

Von Hartmut Wagner

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