Karl Thieme (82) aus Treysa möchte sein Schwälmer Puppenpaar an Sammler verkaufen

Von Kopf bis Fuß auf Tracht eingestellt

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Schmuckes Pärchen: Karl Thieme aus Treysa sucht einen Sammler, der die Puppen schätzt und hütet. 

Was wäre die Schwalm ohne ihre farbenfrohe Tracht: Seit etwa 150 Jahren wird die schmucke Kleidung getragen – heute nur noch vereinzelt in einigen, wenigen Dörfern der Schwalm. Dafür ist die Erinnerung noch recht lebendig. In vielen Vereinen wird die Tracht liebevoll gehegt und gepflegt und an Fest- und Feiertagen präsentiert.

Als besonderes Geschenk wurden von Schneidern und Trachten-Experten auch Puppen angefertigt – Schwälmer Pärchen in stattlicher Größe. Auch Karl Thieme besitzt ein schmuckes Paar. Der 82-Jährige weiß noch genau, wie die Puppen ins Haus der Familie in Treysa einzogen.

Heinrich Credé, gebürtiger Schwälmer und Onkel seiner Frau, war Schulleiter in Sontra und kam eines Tages und schenkte den Thiemes die wertvollen Puppen. Die habe der Onkel extra in Loshausen anfertigen lassen, ist der Metzgermeister überzeugt. Ein Schneider hatte sich seinerzeit auf die originalgetreuen Abbildungen der Schwälmer spezialisiert.

Von Kopf bis Fuß auf Tracht eingestellt

Denn die Puppen waren schon damals, etwa in den 1980er-Jahren, teuer und auch wertvoll. Alle Trachtenteile wurden von Hand gearbeitet: ein aufwändiges Unterfangen. Familie Thieme stellte das Pärchen sogleich in Treysa aus. In der eigenen Metzgerei warben die Puppen 1980 für die traditionelle Hutzelkirmes. Metzgermeister Karl Thieme folgte einer langjährigen Tradition.

Nachdem der Großvater 1910 das erste Geschäft in der Steingasse eröffnete, der Vater den Betrieb übernahm, trat auch Karl in die Fußstapfen. Lange Jahre betrieb er das Geschäft in der Bahnhofstraße/Ecke Wagnergasse weiter.

Mit den Schwälmern ist Thieme immer gut gefahren: „Ich kenne hier doch alle“, sagt er und lächelt. Der Treysaer trug jedoch selbst nur ein einziges Mal Tracht. Mit etwa zwölf Jahren lieh man sich bei Familie Fenner in Obergrenzebach die schmucke Kleidung und ließ Karl beim Fotografen ablichten. Denn in der Stadt wurde die Tracht nicht getragen. Vielmehr war sie Bestand des Dorflebens und zeigte auch einen gewissen Wohlstand an.

Wer etwa eine rote Betzel trug – das ist das Häubchen über dem Haarknoten, dem Schnatz – war noch unverheiratet und unter 25 Jahren. Grün war die Farbe der verheirateten Frauen. Die Kopfbedeckung der Männer unterschied sich ebenfalls. Wer Persianer, Samt und Gold-Kordel trug galt als „nicht so vornehm“. Wer von höherem Stand, also ein reicher Bauer war, bevorzugte Biberpelz.

Auf Messen eingekauft

Um Material für die Kappen einzukaufen, fuhren die Schneider einst extra zu Messen – denn Pelze und Samt gab es in der Schwalm nicht. Auch an den Zwickeln der gestrickten Strümpfe ließ sich ein gewisser Wohlstand ablesen.

Auch das Schwälmer Pärchen von Karl Thieme  kann sich sehen lassen: Die Dame trägt immerhin acht Röcke, die Schnallenschuhe wurden aus Leder gefertigt. Wertvolle Stickereien zieren Ärmel, Kappenschnüre und Kittel. Die Männer trugen werktags einen blauen Kittel und dunkle Kniehosen, sonntags weiße Kniehosen, einen schwarzen Kirchenrock und einen Hut namens Dreimaster. Die Frauen trugen unter einem schwarzen Rock mit Bandbesatz je nach Wohlstand bis zu fünfzehn Röcke übereinander – verziert mit farbigem Bandbesatz, der stufenweise hervor schaute. Wobei es in jedem Dorf der Schwalm kleine Abweichungen gab. Auch die Puppen wurden nach originalen Trachtenvorlagen eingekleidet – vom Kopfschmuck bis zu den Strümpfen wurde alles in mühevoller Handarbeit so genäht, gestickt und gestrickt, wie es seit mehr als 200 Jahren hergestellt und getragen wurde. Karl Thieme zieht nun bald in eine kleinere Wohnung und wünscht sich, dass das Schwälmer Pärchen bei Sammlern oder Liebhabern der Tracht einen schönen Platz findet. „Da steckt reine Handarbeit drin und es wäre toll, wenn sich ein Sammler findet, der das auch zu schätzen weiß“, sagt Thieme.

Von Sandra Rose

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