"Vielleicht wollte ich den Helden spielen"

Sie nahmen Drogendealer Marihuana ab: Strafe für Hobby-Sheriffs

Treysa. Je länger die Verhandlung dauerte, umso öfter musste der Vorsitzende Richter über den absurden Tatverlauf mit all seinen Irrungen und Wirrungen den Kopf schütteln. 

Eigentlich ging es kürzlich vor dem Schöffengericht in Schwalmstadt um Raub und Körperverletzung. Auf der Anklagebank saßen ein 21-jähriger Maler und ein 20-jähriger Auszubildender aus dem Schwalm-Eder-Kreis beziehungsweise Landkreis Marburg Biedenkopf. Laut Staatsanwalt hatten die beiden Männer im Januar einem vermeintlichen Drogendealer 2,6 Gramm Marihuana, zehn Euro und einen Autoschlüssel mit Gewalt abgenommen. Dabei ging das Smartphone des Opfers verloren. Bei dem Maler stellte die Polizei nach der Tat außerdem einen Schlagring sicher.

Aus Sicht der Angeklagten hatte sich der Vorfall völlig anders zugetragen. Er sei mit seinem Kumpel auf einer Faschingsfeier gewesen, erzählte der 21-Jährige: „Ich hatte schon ordentlich was getrunken.“ Gegen vier Uhr morgens habe er einen Mann mit Marihuanatütchen bemerkt, so der Maler weiter: „Ich bin strikt gegen Drogen. Vielleicht wollte ich den Helden spielen.“

Im Verhandlungsverlauf kam heraus, dass der selbst ernannte Ordnungshüter dem 23-jährigen Drogenbesitzer das Tütchen nach einer Rangelei abnahm und die Polizei verständigte. „Sie wollten also für Recht und Ordnung sorgen“, so der Richter und stellte fest: „Sie sind aber nicht der Sheriff.“ Ein von der Verteidigerin des Mannes angesichts der Drogen ins Spiel gebrachtes Festnahmerecht ging dem Gericht dann doch zu weit.

Auch, dass es sich bei dem gefundenen Schlagring um eine Gürtelschnalle gehandelt habe, nahm der Vorsitzende dem Maler nicht ab: „Das ist jedenfalls ein Teil, mit dem man jemanden schön eine Schlagen kann.“

Er könne sich noch gut an die kuriose Situation erinnern, sagte ein Polizist. Beim Aussteigen aus dem Streifenwagen sei ihnen der 21-Jährige entgegengekommen: „Der begrüßte uns mit einem Päckchen Marihuana in der Hand.“

Das Opfer der Tat - der Drogenbesitzer - bestätigte dem Gericht, dass auch er den Eindruck gehabt habe, dass sich der Angeklagte als Sheriff aufspielen wollte: „Ich glaube nicht, dass er vorhatte, es zu rauchen.“ Die Tat sei auf alkoholgetränktes Selbstbewusstsein zurückzuführen, so die Jugendgerichtshilfe.

Da sich der Vorfall nach knapp zweistündiger Verhandlung anders darstellte als angeklagt, folgten alle Prozessbeteiligten dem Vorschlag des Gerichts: Das Verfahren wurde vorläufig eingestellt und den beiden Angeklagten auferlegt, jeweils 150 Euro an das Opfer für das verloren gegangene Smartphone zu zahlen. Darüber hinaus muss der 21-jährige Hobbysheriff 30 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten.

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