Opfern Namen zurückgeben

Stolpersteine in Treysa verlegt: Gräuel der Nazizeit nicht vergessen

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Erinnerungsarbeit: Der Künstler Gunter Demnig, der den Anstoß zu der Verlegung der Stolpersteine zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus gab, arbeitete die Steine in das Pflaster in Treysa ein.

Treysa – Zehn weitere Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des nationalsozialistischen Antisemitismus wurden am Wochenende unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Treysa verlegt. 

Neben vielen Bürgern waren auch Familienangehörige vor Ort. Die Nachfahren von Kindertransportkind Hans-Joachim Spier, der im Alter von nur elf Jahren von seinen Eltern nach England geschickt worden war, um vor den Gräueltaten der Nazis sicher zu sein, waren eigens aus England angereist.

Mit großer Dankbarkeit honorierten Töchter und Enkel des gebürtigen Treysaers die Würdigung des Vaters. „Wir konnten die Familie unseres Vaters niemals persönlich kennenlernen. Er selbst aber war ein wunderbarer, glücklicher Mann, der selten verärgert oder gereizt war und immer ein Lächeln und ein Funkeln in den Augen hatte“, sagte die älteste der sechs Töchter von Hans Joachim (Jack) Spier.

Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus

In ihrer Rede zur Verlegung der Stolpersteine in der Wagnergasse 22 erinnerte sie an die glückliche Kindheit ihres Vaters in Treysa. Der Elfjährige sollte keinen seiner in Deutschland zurückgelassenen Familienmitglieder wiedersehen und so mahnen die Stolpersteine mit den Namen von Juda, Jeanette, Willi, Rosel und eben auch Hans-Joachim Spier vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie.

Angehörige der Familie Spier aus England: Von links Enkeltochter Rachel, Tochter Paula, Margaret Brewer, Enkel Matthew und James und Sally Cunningham gedenken ihrer fünf Familienangehörigen an den Stolpersteinen.

„Wir geben den Opfern, die im System nur noch eine Nummer waren, ihre Namen und ihr Gesicht zurück“, sagte Pfarrer Dierk Glitzenhirn, der die Gedenkstunde zur Stolpersteinverlegung in Zusammenarbeit mit Schülern der Melanchthonschule Steinatal und des Schwalmgymnasiums sowie der fachlichen Begleitung von Jürgen Junker vorbereitet hatte.

Schon vor 30 Jahren hatte Hans Joachim Spier den Wunsch geäußert, dass für die verfolgten Opfer der NS-Zeit in Treysa ein Mahnmal gesetzt wird. „Unser Vater wäre stolz, hätte er diesen Moment der Stolpersteinverlegung noch miterleben können“, sagte Enkeltochter Rachel. Das Schicksal der Familie Spier wurde von Schülern der Melanchthonschule aufgearbeitet und präsentiert.

Familie Mathias verlor in der Reichspogromnacht alles

Für die Verlegung fünf weiterer Stolpersteine in der Braugasse 3 für die Familie Mathias, lag die Aufarbeitung in Händen von Schülern des Schwalmgymnasiums. Mit den Worten „Wir gedenken und verneigen uns vor Ihnen und ihrer Familie und setzen ein Zeichen gegen das Vergessen“, sandten die Schwalmgymnasiasten eine Botschaft nach Israel. 

Dort lebt heute noch Doris Henriette Mathias, verheiratete Guttentag, die 1939 ebenfalls mit einem Kindertransport nach England zu ihrer Tante ausreisen konnte und so dem Holocaust entkam. Die heute 89-Jährige musste als Zehnjährige ihre Familie in Treysa zurücklassen. 

Gedenken: Steine erinnern an die Familie Mathias, die einst in der Baugasse wohnte.

Ihr Vater hatte bis zuletzt auf ein gutes Ende in Deutschland vertraut und wurde dann, wie seine Ehefrau, in Auschwitz ermordet. Familie Mathias waren Geschäftsleute, die in der Reichspogromnacht miterleben mussten, wie eine Schülergruppe unter Führung zweier Nationalsozialisten ihr gesamtes Hab und Gut zerstörten.

Warnung vor rechten Tendenzen

„Wir können uns auch hier im beschaulichen Treysa von den Gräueltaten der Nazi-Zeit nicht freimachen“, sagte Pfarrer Dierk Glitzenhirn. Bei der allgemeinen Gedenkansprache von Dekan Christian Wachter in der Stadtkirche wurde die Stolperstein-Verlegung als ein Akt der Versöhnung gedeutet. „Wir müssen uns alle fragen, ob auch wir uns von der Politik der Nationalsozialisten hätten blenden lassen.“ 

Wachter warnte vor der Gefahr, dass sich heute Rassismus und Antisemitismus wieder über erste, vielleicht noch unbedachte Aussagen verbreiteten. 

So warnte der Jugendsprecher des Kirchenkreises Linus Dietrich vor einem Vergessen und rief zum Urnengang bei der Europawahl auf, um rechten Parteien keine Chance zu geben. Vor dem Anwesen der Braugasse 3 wurden Stolpersteine für Sally, Julie, Simon, Johanna und Doris Henriette Mathias verlegt.

Von Regina Ziegler-Dörhöfer

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