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Über der Schwalm zeigen Kunstflieger aus ganz Deutschland ihr Können

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Von: Johannes Rützel

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Während das Segelflugzeug in der Thermik kreist, lässt sich die Umgebung beobachten, hier Ziegenhain aus der Luft. Im Vordergrund liegt der Flugplatz im Überschwemmungsgebiet der Schwalm.
Während das Segelflugzeug in der Thermik kreist, lässt sich die Umgebung beobachten, hier Ziegenhain aus der Luft. Im Vordergrund liegt der Flugplatz im Überschwemmungsgebiet der Schwalm. © Johannes Rützel

Jedes Jahr treffen sich Segelkunstflieger auf dem Flugplatz in Schwalmstadt zu einer Woche Intensivtraining. Der Platz zieht Segelflieger aus ganz Deutschland an.

Schwalmstadt – Eigentlich sollte ich am Montag mitfliegen. Aber das Wetter spielte nicht mit. Die Segelflieger verfolgten die Wetterlage minutiös auf ihren Handys. Pünktlich mit den ersten Regentropfen wurden die Flugzeuge vom Flugplatz in den Hangar geschoben. Wegen der Gefahr von Hagel geht man mit dem Vereinseigentum der Flugsportvereinigung Schwalm lieber auf Nummer sicher.

Am nächsten Morgen überprüfe ich aufgeregt den Flugwetterbericht des Deutschen Wetterdienstes. Schlechtwetter ist keines angekündigt, Thermik allerdings auch nur wenig. Kunstflug können wir auf jeden Fall machen, hat mir Klaus Schlingmann, Schriftführer der FSV Schwalm, versichert. Ohne Thermik würde der Flug halt nur nicht so lange dauern.

Die Vorbereitungen

Als Erstes lege ich den Fallschirm an. Mein Pilot Klaus Schlingmann erklärt mir, wie man den Fallschirm auslöst: einfach mit der Rechten am Metallgriff über der linken Brust ziehen. Wenn er „Raus“ rufen würde, dann müsste ich so schnell wie möglich aussteigen aus dem Flugzeug, kurz fallen und dann den Fallschirm öffnen.

Mit knapp 1,90 Metern muss ich mich in das Cockpit hineinzwängen, ich nehme auf dem hinteren der beiden Sitze Platz. „Das sieht so aus, als ob er noch nie was anderes gemacht hat,“ kommentiert der 1. Vorsitzende der FSV Schwalm, Ludwig May, meinen Einstieg.

Roman Spohr, der 2. Vorsitzende erklärt mir die Instrumente, während noch schnell die Batterie des Flugzeugs gewechselt wird. Und er sagt, dass ich besser nichts anfassen soll, was farbig markiert ist.

Der Start

Vor uns geht die Remo 180 in Position. Sie wird uns bis auf 1200 Meter Höhe schleppen. Der Pilot gibt Gas, bei etwa 80 Kilometern pro Stunde heben Schlingmann und ich mit dem Segelflieger ab, jagen etwa zwei Meter über der Gras-Piste dahin. Die Propellermaschine braucht noch mehr Tempo, bei etwa 110 Kilometern pro Stunde hebt auch sie ab. Der Start ähnelt noch am ehesten dem Fliegen in einem Verkehrsflugzeug.

Der Schleppflug

Es schaukelt. Wir haben Seitenwind und unter der Wolkendecke ist die Thermik besonders stark. Es ist diesig, die Wolken hängen etwa 1100 Meter über der Erde. Plötzlich macht die Remo vor uns einen Satz, dann geht es auch im Segelflieger wie im Aufzug nach oben. Wir haben eine Thermik erwischt, direkt unter einer fetten, dunklen Wolke. Ich ziehe meine Gurte nochmal fest an.

Der Kunstflug

An der Wolkengrenze klinken wir uns aus dem Schlepp der Remo aus. Die Propellermaschine sinkt nach links unten weg, ist innerhalb von Sekunden außer Sichtweite. Pilot Schlingmann steuert das Flugzeug in einen Sinkflug, nimmt Fahrt auf. Anschließend rollt er das Flugzeug auf den Rücken und fliegt dann in einen halben Looping nach unten. Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie schwerelos. Doch dann presst mich die Schwerkraft in den Sitz. Das Vierfache der Erdbeschleunigung wirkt auf unsere Körper, als er den Flieger wieder in die Waagerechte zwingt. Meine Wangen werden Richtung Kinn gezogen.

Direkt im Anschluss geht es wieder nach oben. Wir fliegen einen halben Looping, oben bleibt das Flugzeug auf dem Rücken fast stehen. Ich hänge im Fünf-Punkt-Gurt, mit dem Kopf in Richtung Ziegenhain, als der Pilot am Steuerknüppel zieht. Kopfüber taumelt das Flugzeug der Erde entgegen, geht nach einer vollen Drehung wie auf dem Teller in den Sturzflug.

Mit einem Turn schließt Schlingmann das Programm ab. Das Flugzeug steigt dafür senkrecht auf, bis es fast in der Luft stehen bleibt. Über das Seitenruder wendet Schlingmann das Flugzeug wieder Richtung Boden. Für einen kurzen Moment fühlt sich alles ganz leicht an, es ist komplett still, bis das Flugzeug im senkrechten Sturzflug wieder Fahrt aufnimmt. Ein Manöver, das meiner Meinung nach, an Eleganz kaum zu übertreffen ist.

Die Thermik

Von ursprünglich 1100 Metern Höhe sind nach dem Kunstflug nur noch 400 Meter übrig. Ob bei mir alles in Ordnung sei? Zu meiner eigenen Überraschung geht es mir relativ gut, und ich willige ein, noch etwas Thermik zu suchen und wieder aufzusteigen. Das Flugzeug gleitet mit rund 100 Kilometern pro Stunde ruhig gerade aus, fast leise.

Das elektronische Variometer hilft auf der Suche nach der Thermik: Je schneller das Flugzeug aufsteigt, desto schneller piepst es. Aber in der Thermik angekommen muss der Pilot kreisen. Es geht rund wie im Kettenkarussell. Hier würde es den meisten Leuten schlecht werden, erklärt Schlingmann: „Beim Kunstflug hat sich bei mir noch nie jemand übergeben, dafür hat man gar keine Zeit.“ Ich versuche, mich auf den Horizont zu konzentrieren.

Wenige Minuten später sind wir auf 700 Meter gestiegen, mit der nach oben steigenden Luft. Pilot Schlingmann hat eine weitere Wolke ausgemacht, unter der er Thermik vermutet. Endlich kurze Entspannung von der Kreiselei, das Flugzeug gleitet ruhig dahin. Unter der Wolke angekommen sucht Schlingmann nach der Thermik.

Er findet sie nicht, dafür fallen erste Regentropfen auf die Plexiglashaube. Wir entscheiden uns für den Rückflug. Schlingmann drückt die Nase des Fliegers nach unten. Das Flugzeug beschleunigt auf über 250 Kilometer pro Stunde, ganz nah an die zugelassene Höchstgeschwindigkeit. Der Fahrtwind zerrt lärmend an den Tragflächen.

Die Landung

Wir sind immer noch ziemlich hoch und ziemlich schnell, für meine Begriffe. Um langsamer zu werden, manövriert Schlingmann in den Slip, eine Art seitlicher Gleitflug. Dabei zeigt die Flugzeugnase nicht in Flugrichtung, sondern ein paar Grad nach links oder rechts. So erhöht sich der Luftwiderstand des Flugzeugs und es wird rasch langsamer, aber auch laut. Mit rund 90 Kilometern pro Stunde setzen wir auf und werden auf der Grasnabe durchgeschüttelt.

Endlich bleibt das Flugzeug stehen, kippt nach links auf den Flügel. Ich öffne die Gurte und die Haube und winde mich aus dem Fallschirm. Es ist ungewohnt, wieder auf fester Erde zu stehen, obwohl der Flug nur wenige Minuten gedauert hat. Zurück am Tower greife ich gierig in die Dose mit den Cola-Gummibärchen. Mein Magen braucht das jetzt.

Video: zu.hna.de/segelkunstflug_schwalm

Vor dem Abflug: HNA-Volontär Johannes Rützel.
Vor dem Abflug: HNA-Volontär Johannes Rützel trägt einen Fallschirm und wird zusätzlich durch einen Fünf-Punkt-Gurt gesichert. © Rützel, Johannes

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