Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren

Schwalmstadt: Unermessliches Leid im Lager Trutzhain

Die Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag IX A Ziegenhain im Herbst 1941.
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Die Ankunft sowjetischer Kriegsgefangener im Stalag IX A Ziegenhain im Herbst 1941.

Am 22. Juni 1941 begann der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Kriegsgefangene wurden unter anderem in Hessens größtes Lager nach Trutzhain gebracht.

Schwalm. Der Krieg, den Hitler am 22. Juni 1941 ohne Kriegserklärung gegen die Sowjetunion begonnen und den er lange zuvor vorbereitet hatte, war für ihn der „eigentliche Krieg“, denn er sollte zur Ausrottung des „jüdischen Bolschewismus“ und zur Eroberung von „Lebensraum im Osten“ führen. Entsprechend brutal wurde er als Raub- und Vernichtungskrieg geführt.

Von den mehr als 3,3 Millionen unter der Verantwortlichkeit der Wehrmacht verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen starben die allermeisten noch im Militärverwaltungsgebiet in der Nähe der Front oder in Lagern der dahinter liegenden Zivilverwaltungsgebiete oder im sogenannten Generalgouvernement, 360 000 bis 400 000 in Lagern im Deutschen Reich. Die Ursachen: Hunger, gezielte Unterversorgung, Krankheiten (Seuchen) und Erschießungen. Während die Todesrate bei den westalliierten Gefangenen unter vier Prozent lag, erreichte sie bei den sowjetischen fast 60 Prozent.

Lager in der Schwalm

Hessens größtes Kriegsgefangenenlager befand sich in der Schwalm: Auch im Altkreis Ziegenhain war seit Ende September 1939 von der Wehrmacht ein Kriegsgefangenenlager errichtet worden. Für die ersten Gefangenen – Polen – gab es nur Zelte, bevor im Frühsommer 1940 Fachwerkbaracken entstanden. Das Stalag IX A Ziegenhain war mit über 50 000 Gefangenen das größte Kriegsgefangenenlager auf dem Gebiet des heutigen Hessen.

Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen trafen im Oktober 1941 zu Tausenden hier ein, ausgehungert, krank, in zum Teil offenen oder unbeheizten geschlossenen Güterwaggons wochenlang transportiert. Sie mussten vom Nordbahnhof Ziegenhain noch einige Kilometer laufen, bis sie das Lager erreichten. Zeitzeugen berichteten, dass die Ausgemergelten sich nach dem Ausladen auf die Wiesen stürzten und Gras in sich hineinstopften, bis die Gewehrkolben der Wachsoldaten sie zurücktrieben.

In Ziegenhain fuhr ein Lastwagen hinter den Kolonnen her, um die aufzusammeln, die tot umgefallen waren. Auch die gefangenen Franzosen schilderten, obwohl die Fensterläden verschlossen sein mussten, die Ankunft der Sowjets als unvorstellbar erbärmlich. Im Lager erhielten sie einen mit Stacheldraht abgetrennten Bereich von acht Baracken, wurden schlechter ernährt, medizinisch nicht versorgt und brieflicher Kontakt in die Heimat wurde ihnen verweigert. Damit entfiel auch die Möglichkeit Essenspakete zu empfangen.

Das Internationale Rote Kreuz visitierte das Lager zwar regelmäßig, der Zutritt zum sogenannten „Russenlager“ wurde ihm aber verwehrt. Jeden Morgen warfen die sowjetischen Gefangenen die Leichen der Kameraden, die in der Nacht verstorben waren, aus den Fenstern. Die Franzosen konnten das beobachten und sie mussten die Leichen zu einem eigenen Friedhof im Wald bei den drei Teichen bringen, wo sie in Massengräbern beseitigt wurden.

Arbeitskommandos

Nach den internationalen Verträgen mussten kriegsgefangene Soldaten arbeiten, Unteroffizieren war dies freigestellt. Viele machten davon Gebrauch, insbesondere wenn beim Einsatz in der Landwirtschaft bessere Ernährung zu erwarten war. Die Arbeitskräfte wurden vom Arbeitsamt Marburg in Arbeitskommandos zusammengestellt und nach Anforderung im nord- und mittelhessischen Raum verteilt. Ihre Größe variierte zwischen drei Personen und mehreren tausend.

Um die 3000 solcher Arbeitskommandos sind bekannt. Aus rassistischen Motiven war für Hitler der Arbeitseinsatz der „bolschewistischen Untermenschen“ zunächst undenkbar. Als die deutsche Kriegswirtschaft etwa ab Herbst 1941 zunehmend unter Arbeitskräftemangel litt, weil der für das Deutsche Reich wenig erfolgreich verlaufende Krieg im Osten immer mehr Soldaten verzehrte, erfolgte ein gewisses Umdenken.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden nun unter schärfster Bewachung gezwungen, auf Baustellen, bei der Trümmerbeseitigung und in der Rüstungsindustrie schwere körperliche Arbeit zu leisten.

Im März 1942 startete der Kommandant des Stalag den Versuch, 400 russische Kriegsgefangene in der Landwirtschaft einzusetzen. Er verteilte sie auf folgende Arbeitsämter: Kassel 120, Fulda 80, Hersfeld 70, Marburg 70 und Korbach 60. Sie durften nur in geschlossenen Arbeitskommandos von 20 Gefangenen aufwärts kolonnenmäßig eingesetzt werden. Mindestens drei Wachleute und ein Kolonnenführer mussten gestellt werden und die Unterkunft musste ausreichend mit Stacheldraht gesichert werden. Ferner wurde angemahnt: „Da die gefangenen Russen körperlich noch ziemlich heruntergekommen sind, erhalten sie in den ersten Wochen zusätzliche Verpflegungsrationen (Krankenkost), insbesondere Nährmittel wie Mehl, Graupen, Grieß, Nudeln, Vollmilch usw. Aus den gleichen Gründen verzichtet die Stammlagerkommandantur in den ersten acht Wochen auf die Entlohnung der russischen Gefangenen.“

Parallel hierzu hatte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) angeordnet, „dass alle an der Bereitstellung der sowjetischen Kriegsgefangenen als einsatzfähige Arbeiter beteiligten Dienststellen und Behörden ihr Äußerstes daran setzen, die Einsatzfähigkeit der Kriegsgefangenen zu erweitern und vor allem zu beschleunigen. Vorbedingung hierzu sind insbesondere eine ausreichende Ernährung und die Beseitigung der Fleckfiebergefahr.“

Viele der Drangsalierten sahen in der Flucht einen Ausweg, die vor allem von den Einsatzplätzen aus versucht wurde. Die Gefahren waren hierbei für sowjetische Kriegsgefangene besonders hoch, da nach einem Erlass des OKW auf sie sofort und „ohne vorherige Halterufe“ zu schießen war.

Erinnerungen an Kälte, Hunger, Dunkelheit

Die Erinnerung an den sogenannten Russenfriedhof ging nach dem Krieg immer mehr verloren, zumal man die zur Kennzeichnung der Massengräber gesetzten Betonstäbe entfernt hatte. Erst der Einsatz und die Forschungen von Hans Gerstmann, Waltraud Burger und Karin Brandes seit Mitte der 1980er-Jahre beendeten die Vergessenheit. Inzwischen sind 692 Namen bekannt und die meisten auf Bronzetafeln dokumentiert. Weitere Tafeln sollen folgen. Der Waldfriedhof ist Teil der Gedenkstätte und Museum Trutzhain.

1942 kam Iwan Andrejewitsch Gusew, in Gefangenschaft nach Trutzhain.

Einer, dessen Schicksal gut bekannt geworden ist, ist Iwan Andrejewitsch Gusew, weil er seine Erlebnisse und Gefühle einem Tagebuch anvertraute. Der 1914 geborene Offizier geriet im April 1942 verwundet in Gefangenschaft und kam im September 1942 ins Stalag IX A Ziegenhain. Leider sind seine Aufzeichnungen nicht vollständig erhalten. Sie kreisen um die Themen Kälte, Hunger, Dunkelheit, Trostlosigkeit und Sehnsucht nach seiner Frau und dem Ende der Gefangenschaft. Unter dem Datum 13. Dezember 1944 notierte er: „Petrowitsch, Shorka, Nowikow sind schon gestern weg. Troschin wurde bei Petrowitsch in Flieden eingesetzt.

„Jetzt bin ich dran. Ob ich in das schlimmste Kommando komme? Aus irgendeinem Grund denke ich so. Mein seelischer Zustand ist schrecklich, ich bin außer mir und finde keine Ruhe. Mein Tabak reicht nur für einen Tag. Es gibt kein Brot. Hunger. Ach, so eine grausame Zeit! Und der Krieg geht immer weiter. Gestern und heute herrscht unvorstellbare Kälte, obwohl draußen nicht weniger als minus acht, minus 10 Grad Kälte herrscht.

Am Vormittag waren wir in der Banja [Waschraum]. Wir haben uns ausgezogen, haben die Wäsche in der Desinfektionskammer abgegeben, aber waschen konnten wir uns nicht: Der Strom fiel aus. Aus diesem Grund gab es auch das Mittagessen erst gegen ein Uhr. Nach dem Mittagessen habe ich mich hingelegt, aber die Füße froren, sodass ich aufstand, umherlief wie verrückt und versuchte, mich zu erwärmen, aber es hat nichts genutzt. Wegen des Kochens bin ich nicht zum Anfertigen von Schuhen gekommen. Ach wie grausam ist unser Leben. Wann endet dieser Albtraum?“

Arbeit in der Schuhwerkstatt

Iwan Gusew arbeitete im Stalag in der Schuhwerkstatt und fertigte Holzpantinen an. Weil er heimlich auch Damenschuhe herstellte und über Mittelsmänner gegen Nahrungsmittel tauschen konnte, hatte er manchmal weniger Hunger in den kalten Baracken.

Die Desinfektions- oder Entlausungsbaracke ist 32 Russen 1941 zur Todesfalle geworden, wie ein Sanitäter dem Autor Martin Grzimek nach dem Krieg erzählte. Die mit Cyklon-B begasten Kleidungsstücke hätten noch stundenlang auslüften müssen. Die Sowjets hätten sich aber bei geschlossenen Fenstern zur Nacht gelegt und seien alle gestorben.

Gusew und seine Kameraden erlebten die Befreiung des Lagers mit gemischten Gefühlen, da der stalinistische Kollaborationsverdacht galt. Nach der Rückkehr wurde ihm der Offiziersrang aberkannt und er durfte seinen Beruf als Rechtsanwalt nicht wieder aufnehmen. Bis zur Rente arbeitete er als einfacher Fabrikarbeiter. Eine Rehabilitierung erfolgte erst 1992 unter Jelzin. Die Dauerschädigung seiner verwundeten Hand und die Folgen der in Gefangenschaft zugezogenen Tuberkulose konnte keiner „wiedergutmachen“. Gusew starb 2005. (Bernd Lindenthal)

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