Vier weitere Stolpersteine

Erinnerungssymbole in Neukirchen: Steine erinnern an die Spiers

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Gemeinsam für das Projekt: von links Schulleiter Olaf Rödiger, Lehrer Hans-Werner Dittmar, Katja Demnig, Lehrerin Elke Hofmann, Johanna Stähling, Carolin Höhn, Nikola Ritter und Lisa Merz.

Vier weitere Stolpersteine fanden am Donnerstagmorgen ihren Platz vor dem Gebäude der ehemaligen Lateinschule am Marktplatz in Neukirchen.

Die Steine erinnern an Familie Spier, deren Kinder in der örtlichen Schule von Schülern der Hitlerjugend drangsaliert wurden und daraufhin bei einer Tante in Fulda Zuflucht fanden, dann in einem Frankfurter Waisenhaus lebten, bevor sie mit einem Kindertransport in die Schweiz gelangen konnten.

Schüler des Jahrganges 9 und 10 der Steinwaldschule hatten in einer Projektwoche das Schicksal der Familie recherchiert. „Mit dieser Stolperstein-Verlegung geben wir den Menschen ein Stück ihrer Würde zurück“, sagte Bürgermeister Klemens Olbrich. Zudem müsste man gerade in der heutigen Zeit als Demokrat ein Zeichen gegen die Tendenzen der Menschenverachtung setzen.

Engagement gegen Rassismus

Schulleiter Olaf Rödiger unterstrich die Notwendigkeit des Engagements gegen Rassismus und erinnerte noch einmal an die kürzlich einberufene Plakataktion. „Schaut in euren Ferienorten, ob ihr nicht noch mehr Stolpersteine findet und haltet fest, welch Kreise der Hass des Nationalsozialismus gezogen hat“, so der Schulleiter. Im kommenden Jahr kann Neukirchen sein 500-jähriges Jubiläum als Schulstandort feiern.

Wenn die beiden Brüder Ernst Meier Spier, geboren 1925, und Walter Israel Spier, geboren 1927, auf ihre Neukirchener Schulzeit zurückblicken würden, dann kämen sicherlich auch die Repressalien durch Mitschüler der Hitlerjugend in Erinnerung.

Ernst Meier Spier besuchte von 1933 bis 1935 die Stadtschule, verließ nach den Anfeindungen jedoch Neukirchen und zog mit seinem Bruder nach Fulda zur Tante. Dort erlebte Walter Spier die Hetzjagd auf dem Fuldaer Viehmarkt. Er schaffte es, seine drei Tiere und sich im Dom in Sicherheit zu bringen. 1937 zogen Ernst und Walter in ein Frankfurter Waisenhaus, von wo sie im Rahmen eines Kindertransportes in die Schweiz flüchten konnten.

Es winkt sogar ein Preisgeld

Walter Spier erlernte das Bäcker- und Konditorenhandwerk und sein Bruder machte eine landwirtschaftliche Ausbildung. Nach dem Krieg gingen beide Brüder nach Israel. Ihre Mutter Johanna Spier-Strauss wurde 1942 wie ihr damals erst dreijähriger Halbbruder Benno nach Sobibor deportiert und fanden dort den Tod. Im Zuge der Reichspogromnacht war Johanna Spier-Strauss auch schon verhaftet worden. Der Vater Willi Spier war bereits 1935 an den Folgen von Giftgasschäden des Ersten Weltkrieges verstorben. Auch er hatte unter den Demütigungen der Nationalsozialisten zu leiden.

Die Stolperstein-Verlegung wurde von Katja Demnig begleitet. Sie unterstützt ihren Ehemann und Stolperstein-Initiator Gunther Demnig, der morgen weitere Stolpersteine in Norwegen verlegen wird. Katja Demnig hat in diesem Jahr einen Schulwettbewerb ausgelobt, wonach die Schulen ihre recherchierten Ergebnisse einreichen sollen. „Ich berate die Schulen und diese machen sich viel Arbeit. Es wäre schade, wenn das nicht dokumentiert werden würde“, erklärte sie ihre Intention.

Deportiert und geflüchtet: Die Mitglieder der Familie Spier erlebten in Neukirchen Anfeindungen und Schikane.

Den besten Dokumentationen winkt ein Preisgeld. Auch die Steinwaldschule, die sich im vergangenen November als Schule ohne Rassismus zertifizieren ließ, beteiligt sich am Wettbewerb.

Bislang wurden insgesamt 73 000 Stolpersteine in 24 europäischen Ländern verlegt. Im Sommer sollen Stolperstein-Verlegungen in Dänemark und Serbien hinzu kommen.

Von Regina Ziegler-Dörhöfer

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