Beruf im Wandel: Sekretärin Bärbel Falk war mehr als 35 Jahre Prüferin bei der IHK

Von wegen nur Tippse

Viel erlebt: Bärbel Falk (62) ließ sich in den 1970er-Jahren zur Sekretärin ausbilden. Heute gibt es diese Berufsbezeichnung nicht mehr. Foto: Rose

Neukirchen. Bärbel Falk assistiert. Sie vereinbart Termine, tippt Briefe, koordiniert Besuche und Gespräche. Die Neukirchenerin ist Schnittstelle zwischen ihren Chefs, dem Ehepaar Trümner, Inhaber des Therapiezentrums Bischoff, und den Kunden und Mitarbeitern. Dass man sich dafür stetig weiter qualifizieren muss, war der heute 62-Jährigen immer klar. Ende Mai geht Bärbel Falk in Ruhestand: Mehr als 40 Jahre hat sie den Beruf der Sekretärin ausgefüllt. Und sich von allen Aufgaben ausgefüllt gefühlt.

Mehr als 35 Jahre engagierte sich die Neukirchenerin zudem als ehrenamtliche Prüferin bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Kassel. Schon damals lautete die Aufgabe in einem Handbuch: „Die Sekretärin ist Assistentin des Chefs und unterstützt ihn.“

Schon seit vielen Jahren ist das genau die Berufsbezeichnung: Assistentin. Der Begriff löste den Begriff der Sekretärin ab. Wenngleich in den 1970er-Jahren – Falk besuchte das Sekretärinnen-Seminar an der deutschen Eisenbahn-Fachschule in Kassel – dem Zeitgeist entsprechend noch andere Qualifikationen gefragt waren. In einem Protokoll aus einer Unterrichtsstunde etwa ist zu lesen, dass Sekretärinnen auf ihr Äußeres achteten und Kleidung und Kosmetik auf Typ und Arbeitstag abstimmten.

„Sekretärinnen sollen auf ihr Äußeres achten und Kleidung und Kosmetik auf Typ und Arbeitstag abstimmen.“

Aus dem Protokoll des Sekretärin-Seminars

Bärbel Falk besuchte zunächst die Handelsschule in Ziegenhain: Der Direktor habe sich damals Mädchen ausgeschaut, die er für besonders begabt hielt und die fit im Schreiben waren, erinnert sich die 62-Jährige. Vertretungsweise habe sie damals für die Frau von Vincent Burek im Schulsekretariat ausgeholfen.

Ihre erste Stelle trat Falk bei der Firma Elastic an. Vom ersten Lohn kaufte sie sich das Handbuch der Sekretärin. Das Tippen habe sie auf einer Elektromaschine gelernt, später habe es eine Maschine mit Kugelkopf von IBM gegeben. 1978 bekam sie einen Anruf von der IHK. An den Wortlaut erinnert sich Falk genau: „Fräulein Jäckel, haben Sie Lust, im Prüfungsausschuss zu sitzen? Wir brauchen Praktiker.“

Als Sekretärin und Assistentin der Geschäftsleitung war Falk viele Jahre an der Klinik im Urbachtal beschäftigt, später weitere zehn Jahre in der Habichtswaldklinik in Kassel. Seit sieben Jahren arbeitet die 62-Jährige wieder in ihrer Heimatgemeinde: Beim Therapiezentrum Bischoff. Heute befindet sich das Berufsbild im Wandel, ist nicht mehr stark nachgefragt.

Ende der 1970er-Jahre war das ganz anders: Der Beruf des Sachbearbeiters habe die Qualifikation zur geprüften Sekretärin voraus gesetzt, erklärt Falk. Besonders viele Prüflinge seien damals von B.Braun gekommen.

Kurzschrift starb aus

Nicht nachvollziehbar sei das Aussterben der Kurzschrift für sie gewesen. Auch das Schnellschreiben sei zunehmend in den Hintergrund getreten. Die Qualifikation war stark vom Rollenbild geprägt: Im Handbuch der Sekretärinnen wird davor gewarnt, die Mittagspause dazu zu nutzen, „der Schönheit und Gesundheit einen besonderen Dienst zu erweisen, indem die Mitarbeiterin das Essen durch ein Sonnenbad in der prallen Mittagshitze ersetzt“.

Die Neukirchenerin ist froh, dass sich der Begriff der „rauchenden Tippse“ gewandelt hat: „Heute sind die Aufgaben umfangreicher, das Arbeiten ist selbstbestimmter.“ Bärbel Falk hat ihren Beruf mit Geist und Seele ausgefüllt. „Und der Beruf hat mich ausgefüllt.“

Von Sandra Rose

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