Heute vor 75 Jahren wurde Hessens größtes Kriegsgefangenenlager in Betrieb genommen

Von der Weide zum Lager

Hinter Zäunen: Das Lager entstand zunächst als Zeltstadt. Das bisher unbekannte Aquarell eines Gefangenen stammt vermutlich aus dem Jahre 1940. Foto/Repro:  Gedenkstätte/nh/Lindenthal

Schwalmstadt. Nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 gelangten rasch Tausende Kriegsgefangene auch in die Schwalm. In der Ziegenhainer Schulchronik heißt es: „Mitte September wurde auf der Kreisjungviehweide an der Ziegenhain-Riebelsdorferstraße mit dem Bau eines Gefangenenlagers begonnen. Die Zelte der Partei, die einst in Nürnberg uns zum Reichsparteitag aufnahmen, wurden als provisorische Unterkunft für Polen aufgestellt.“

Am 17. September 1939 trug der Chronist ein: „Die ersten Bewachungsmannschaften (4. Kompanie Landesschützen) sind in Ziegenhain einquartiert worden. Ziegenhain gleicht einem kleinen Heereslager. Zivilisten tauchen in der Masse der Truppen unter.“ Im Oktober 1939 heißt es: „Nachdem das Gefangenenlager in der Kreisjungviehweide seit Mitte Oktober ca. 13 000 bis 14 000 gefangene Polen aufgenommen und bis 800 Mann zu Landkommandos abgegeben hatte, wurden dem Stalag (Stammlager) wegen Überfüllung der Lazarette auch 350 kranke Polacken zugeführt.“

Das Stammlager Ziegenhain im Wehrkreis IX hatte die Funktion, den nord- und mittelhessischen Raum mit billigen Arbeitskräften zu versorgen. Zu diesem Zwecke unterhielt das Arbeitsamt Marburg im Lager eine Außenstelle.

Schon bei der Ernte

Nach einer Notiz im Schwalm-Kreis vom 25. Juli 1940 waren die Polen schon während der Hackfruchternte 1939 im Einsatz und im Laufe des Winters auch in der gewerblichen Wirtschaft. Im April 1940 waren die polnischen Kriegsgefangenen zu 90 Prozent in der Landwirtschaft eingesetzt.

Die deutsche Bevölkerung wurde immer wieder auf den geforderten Umgang mit diesen Menschen hingewiesen: „Auch im Kurhessengau befinden sich jetzt polnische Kriegsgefangene als Landarbeiter. Wer mit ihnen zu tun hat oder ihnen begegnet, soll ständig daran denken, dass er Deutscher ist. Weder Hass noch Mitleid sind am Platze (…) Völlige Zurückhaltung gegenüber Kriegsgefangenen ist also das Gebot für jeden Deutschen. Der Feind bleibt auch in der Gefangenenschaft Feind.“ (Schwalm-Kreis, 22. November 1939)

Im Frühjahr 1940 wurde damit begonnen, die polnischen Soldaten aus der Kriegsgefangenenschaft zu entlassen und sie als zivile Arbeitskräfte einzusetzen. Diese Überführung, auch gegen den Willen der Betroffenen, war im Sommer 1940 abgeschlossen. Sie unterstanden nun der Ortspolizei und im Konfliktfalle der Gestapo.

Ab Februar 1940 arbeiteten und wohnten zum Beispiel Josef Borowski, Jahrgang 1904, und Alexander Jablowski, Jahrgang 1918, in der Buchbinderei Wilhelm Korell in Ziegenhain.

Sie waren mit der Kartonagen-Fabrikation beschäftigt. Etwa 20 Polen waren jeweils in Großropperhausen, Immichenhain, Jesberg, Loshausen, Oberaula und Riebelsdorf im Einsatz. Noch größere Kommandos befanden sich in Homberg, Leimsfeld, Ottrau, Schwarzenborn, Treysa (Hephata) und Ziegenhain (Schafhof).

Von Bernd Lindenthal

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