Neue Heimat: Klinkenmühle

50 Briten im Schwalm-Eder-Kreis dürfen auch bei Brexit bleiben

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Elaine Butler, Britin und Reitlehrerin, will die Klinkenmühle in Loshausen zum Reitzentrum ausbauen.

Elaine Butler ist eine von 50 Briten, die ohne deutschen Pass im Schwalm-Eder-Kreis leben. Im Falle eines Brexits bleibt für sie und ihre Familienangehörigen der Aufenthaltsstatus aber unverändert.

Das teilt der Landkreis auf HNA-Anfrage mit. Der Austritt Großbritanniens aus der EU wurde bis spätestens zum 30. Oktober verschoben. Kommt das Austrittsabkommen zustande, wird direkt nach dem Brexit bis zum 31. Dezember 2020 eine Übergangsphase gelten. Die Freizügigkeitsregeln der EU bleiben in dieser Zeit bestehen. 

Ohne Abkommen wird es kniffeliger

Das Recht auf Freizügigkeit ermöglicht jedem EU-Bürger, in einem anderen EU-Land ohne Visum zu leben und zu arbeiten. Das Austrittsabkommen sieht einen weitgehenden Erhalt der Freizügigkeitsrechte auf Lebenszeit für betroffene Bürger aus Großbritannien vor, erklärt Lisa-Maren Brass von der Kreisverwaltung. Dort geht man davon aus, dass Briten, die vor dem 31. Dezember 2020 in den Schwalm-Eder-Kreis gezogen sind, sich auf das Austrittsabkommen berufen können. Ohne Formalien geht das allerdings nicht. Sie müssen bei der Ausländerbehörde einen entsprechenden Antrag stellen und an einem Ort im Landkreis gemeldet sein. 

Kniffeliger wird es im Falle eines Austritts ohne Abkommen. Dann verlieren die betroffenen britischen Staatsbürger den Status als Unionsbürger und werden automatisch zu Drittstaatsangehörigen. Zum weiteren Aufenthalt in Deutschland nach Ablauf der Übergangszeit bis Ende 2019 benötigen sie daher eine Aufenthaltserlaubnis. Die Ausländerbehörde des Schwalm-Eder-Kreises wird die im Kreis registrierten britischen Staatsangehörigen rechtzeitig über die Antragstellung informieren, erklärt die Sprecherin des Kreises Dann muss die Ausländerbehörde über das Aufenthaltsrecht entscheiden. 

Ziel der Bundesregierung sei es aber, dass alle bisher freizügigkeitsberechtigt in Deutschland lebenden Briten ihren Aufenthaltstitel bekommen, so der Landkreis. Ausführliche Informationen stehen auf der Webseite des Bundesinnenministeriums. Auch bietet das Britische Generalkonsulat Informationen mit der offiziellen Brexit-Seite „Living in Germany“ für britische Bürger in Deutschland an. Den im Schwalm-Eder-Kreis registrierten britischen Staatsangehörigen wird empfohlen, für den Fall eines Brexits die schriftliche Unterrichtung der Ausländerbehörde über die aufenthaltsrechtlichen Maßnahmen abzuwarten.

Elaine Butler möchte bleiben

Elaine Butler ist die neue Klinkenmüllerin. Mit ihrem Lebenspartner Thomas Zipfel hat die 58-Jährige im vergangenen Jahr die Klinkenmühle bei Loshausen gekauft. Und Elaine Butler ist Europäerin: Sie ist britische Staatsangehörige, lebte über Jahrzehnte in Deutschland, ihr Beruf als Reittrainerin führt sie regelmäßig in acht europäische Länder.

Sieben Monate im Jahr ist die Neu-Loshäuserin im Ausland unterwegs. Sorge bereitet ihr der mögliche Brexit. Auch die Ungewissheit der vergangenen Monate machte ihr zu schaffen, denn einen deutschen Pass besitzt sie nicht. Sie habe schon das Bild vor Augen gehabt, am Flughafen nach einem ihrer Auslandsaufenthalte, die teilweise bis zu zwölf Wochen dauern, nicht mehr einreisen zu dürfen, erzählt sie.

Dass es einmal so weit kommen könnte, sei außerhalb ihres Vorstellungsvermögens gewesen. Zwar hat die gebürtige Südengländerin die vergangenen 20 Jahre auf der Insel gelebt, zuvor aber 20 Jahre im hessischen Frankfurt. Dorthin hatte es sie nach dem Sprachstudium verschlagen, erzählt sie. Für die Lloyds-Bank und später für die Nachrichtenagentur Reuters arbeitete Elaine Butler im Bereich Marketing/Vertrieb.

Klinkenmühle bietet beste Bedingungen

Im Laufe der Jahre habe sie gespürt, dass sie etwas verändern muss in ihrem Leben. Die damals 40-Jährige beschloss, mit Pferden zu arbeiten – oder besser: mit ihren Reitern. Als zertifizierte Trainerin unterrichtet sie nach der speziellen Wanless-Methode. Bei diesem ganzheitlichen Verfahren geht es besonders um das Zusammenspiel der Balance des Reiters und der Biomechanik des Pferdes. Auch ging sie wieder zurück nach England. Dort lebte sie bis Ende 2017 mit Thomas Zipfel in einem Cottage südlich von Oxford.

Auf die zum Verkauf stehende Klinkenmühle seien sie über ein Verkaufsportal im Internet aufmerksam geworden, erzählen die beiden. Gerne wären sie zurück nach Frankfurt, das sei aber nicht drin gewesen im Budget. Fünf Hektar Land gehören zum u-förmigen Mühlenanwesen, eine Wiese wurde dazu gepachtet.

Die alte Tenne wurde geöffnet und ist jetzt der offene Unterstand für Elaine Butlers fünf eigenen und zwei eingestellte Pferde. Ein separates Häuschen wurde bereits als eine Art Kulturcafé genutzt. Aus dem Stall könnte eine Bewegungshalle werden.

Fast nostalgisch mutet das ursprüngliche Mühlengebäude aus dem 16. Jahrhundert an. Ihm angebaut ist ein Zweifamilienwohnhaus aus den 60er-Jahren. „Wir hatten Glück, dass es in gutem Zustand ist“, sagt die Reittrainerin, denn dort hält sie schon Seminare ab. Das Wohnhaus bietet auch Besuchern aus dem Ausland bereits Gästezimmer. Ein Zimmer dient als Seminarraum – ausgestattet mit Gymnastikbällen und Schwimmnudel, die dienen den Reitschülern als imaginäre Pferde. Bei ihren Kursen gebe es einen hohen theoretischen Anteil, sagt Butler. Fazit: Die Klinkenmühle an der Grenff passt perfekt in das Konzept des Paares, ein Zentrum für Pferdebegeisterte und für Kulturinteressierte aufzubauen.

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