Tiere flogen panisch weg

Unachtsamer Fußgänger verscheucht 7000 Kraniche von Schwalmwiesen

Einfallende Kraniche: So wie hier in der Wetterau sah es am vergangenen Dienstag kurzzeitig auch bei Loshausen aus, doch die Tiere flogen nach einer Störung panisch weg. Foto: privat

Willingshausen. Viele lieben es, die trompetenden, keilförmigen Geschwader der Kraniche zu beobachten. In diesen Tagen zogen sie zu Tausenden über die Schwalm. Fast nie sieht man die scheuen Großvögel hier zur Rast einfallen. Am vergangenen Dienstag wäre es beinahe so weit gewesen. Aber nur fast.

7000 der eindrucksvollen Flieger hatten sich die Schwalmwiesen bei Loshausen als Rastplatz ausgesucht. Aber leider kam es dann anders. Als die meisten Tiere schon eingefallen waren, brach Unruhe unter den erschöpften Tieren aus: ein Fußgänger in blauer Jacke näherte sich den Rastscharen, die daraufhin augenblicklich panisch aufflogen und sich nach einigen Flugrunden über dem Gebiet zerstreuten. Eine Nachsuche am Mittwoch ergab, dass die Vögel die Schwalm großräumig verlassen hatten.

Traditionell sammeln sich alle nordosteuropäischen Kraniche in den Herbstmonaten in Norddeutschland und Polen. Dort suchen sie tags auf Feldern nach Ernteresten und anderer Nahrung und versammeln sich gegen Abend zu tausenden in fuchssicheren Flachwasserzonen. Meist bei Ostwetterlagen mit Rückenwind ziehen die Kraniche von dort gemeinsam in großen Verbänden nach Frankreich und Spanien.

Nach dem Aufbruch in den frühen Morgenstunden brauchen die Tiere einige Stunden, um die Strecke von Brandenburg bis nach Nordhessen zurückzulegen. Meistens erreichen die ersten Kranichzüge gegen Mittag den Raum Kassel und etwa ab 13 Uhr die Schwalm. Je nach Abflugort und Windverhältnissen kann sich das Zuggeschehen dann bis zum Abend erstrecken.

In diesem Jahr war der Zug besonders eindrucksvoll. Der Grund dafür ist, dass immer mehr Kraniche das Teichgebiet Linum bei Berlin als Sammelplatz wählen. Dort hat der aus Florshain stammenden Naturschützer Eberhard Schneider, Gründer und Präsident des Vogelschutz-Komitees, die Teichanlage in Zusammenarbeit mit den Eigentümern als Kranichsammelplatz optimiert. Durch die Arbeit des Vogelschutz-Komitees haben sich die Rastbedingungen für den Kranich soweit verbessert, dass dort nach 80.000 Kranichen 2012 und 97.000 Vögeln im Herbst 2013 in den letzten Wochen sogar etwa 130.000 Kraniche und damit ein Drittel des nach Westen ziehenden Kranichbestandes gezählt wurden.

Diese Kraniche ziehen traditionell besonders über dem Raum Eschwege nach Hessen und dort in Abhängigkeit von den Windverhältnissen über Vogelsberg und Schwalm, den Raum Gießen und anschließend über den Taunus weiter. So hat ein Schwälmer bei Berlin dafür gesorgt, dass die Zahl der über der Schwalm zu bestaunenden Vögel in den vergangenen Jahren auffallend zugenommen hat.

Kraniche orientieren sich während des Zuges nicht wie andere Vogelarten am Magnetfeld der Erde, sondern optisch an Landmarken wie Mittelgebirgen und Flussläufen. Die Jungen lernen den Zugweg und die besten Rastplätze von ihren Eltern, mit denen sie bis zum nächsten Frühjahr zusammen bleiben. Daher ziehen sie nur bei guten Sichtbedingungen von ihren Rastplätzen ab.

Wenn sie während des Zuges aber in diesige Witterung mit geringer Sichtweite geraten, sind sie zu einer außerplanmäßigen Rast gezwungen.

Von Heinz Stübing und Stefan Stübing

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