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Annchen Wenzlik verabschiedet sich mit 75 Jahren in den Ruhestand

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Von: Jenny Breiding

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Allseits geschätzt: Annchen Wenzlik im mobilen Wurstauto der Landmetzgerei Völker aus Zella.
Allseits geschätzt: Annchen Wenzlik im mobilen Wurstauto der Landmetzgerei Völker aus Zella. © Simon Scholz

Der Kontakt zu anderen Menschen wird Annchen Wenzlik am meisten fehlen. Am 31. Dezember 2022 verabschiedete sich die 75-Jährige schweren Herzens in den Ruhestand.

Zella – „Ich schaue mit viel Wehmut auf die letzten Jahre, das war eine tolle Zeit“, sagt sie. Annchen Wenzlik kommt aus Zella. In ihrer Kindheit geht sie oft mit ihrem Vater, ein Hausmetzger, zum Schlachten. „Damit bin ich aufgewachsen“, sagt sie stolz. Doch Wenzlik schlägt zunächst eine andere Richtung ein.

In den 80er- und 90er-Jahren ist Landhausmode angesagt. Textil-Messebesuche mit ihrem Mann veranlassen Wenzlik in 1984 dazu, Trachten ein- und von zu Hause aus zu verkaufen. Ihr kleines Geschäft wird immer größer, die Trachten immer beliebter. „Sowas spricht sich schnell rum“, sagt sie. 1989 bekommt sie Ladenräume in Ziegenhain angeboten.

Nach kurzen Zweifeln und der Frage, ob sie dieser Größenordnung gewachsen ist, entscheidet sie sich für die Eröffnung des Geschäfts, der „Trachtentruhe“. Gemeinsam mit dem Vorstand habe sie viele Events wie „Ziegenhain vom Feinsten“ ins Leben gerufen und unzählige Modenschauen veranstaltet.

Als Moderatorin dieser Veranstaltungen erinnert sie sich besonders an eine Schau, bei der 850 Gäste in der Antreffhalle eintrudelten, um gemeinsam die Hoch-Zeit der Landhausmode zu feiern. Der Kontakt mit Menschen war ihr schon immer ein Vergnügen. „Einen solchen Zusammenhalt unter Geschäftsleuten gibt es heute nicht mehr“, sagt sie in Erinnerungen schwelgend. Auch zu den Kunden habe sie schon immer ein besonderes Verhältnis gehabt.

Das Geschäft mit den Trachten läuft weiterhin gut, sodass die Eröffnung eines zweiten Ladens in Homberg nicht lang ausbleibt. Diesen schließt sie aber zeitnah wieder, um sich auf die Trachtentruhe in Ziegenhain zu konzentrieren. Doch alles hat seine Zeit und Mode währt nicht ewig. Annchen Wenzlik berichtet von langsam sinkenden Umsätzen und steigenden Mieten.

In 2011 schließt die Trachtentruhe ihre Türen und Wenzlik verlässt die Branche. Zu ihrer Goldenen Hochzeit habe sie nochmal ein Dirndl getragen, ansonsten sei die Zeit aber auch für sie weitestgehend vorüber. Ihre Schränke seien dennoch immer noch voll davon. Aus heutiger Sicht ist sie froh, dass sie in Zeiten von Pandemien und anderen Krisen kein eigenes Geschäft mehr habe, sagt sie.

Nach einem kurzen Zwischenstopp bei einer Bäckerei trifft Annchen Wenzlik 2014 zufällig auf Stefan Völkers, den damaligen Junior-Chef der gleichnamigen Landmetzgerei in Zella und Ziegenhain. Sie kennt ihn aus der Nachbarschaft in Zella, er sucht neues Personal für sein Geschäft.

Mit dem Metzger-Handwerk im Blut zögert Wenzlik keine Sekunde und fängt zwei Tage später an, bei den Völkers im mobilen Verkauf zu arbeiten. „Das hat mir auf Anhieb großen Spaß gemacht“, sagt sie und betont das tolle Team der Metzgerei. Regelmäßig fährt Annchen Wenzlik nun mit dem mobilen Verkaufswagen nach Marburg, Stadtallendorf und Alsfeld. Sie baut verschiedene Märkte auf, lernt die neuen Kunden näher kennen und schätzen.

In Alsfeld verkauft Wenzlik zunächst nur dienstags, dann auch freitags die Wurstwaren der Völkers. Siearbeitet viel, aber fühlt sich wohl. Auch Herausforderungen durch neue Kassensysteme oder Autos meistert sie. „Wenn man will, kann man alles lernen“, sagt sie. Der mobile Verkauf der Metzgerei wächst stetig. Zu Wenzliks Anfangszeiten führen die Völkers einen mobilen Verkaufswagen, heute haben sie drei. „Man muss sich einiges einfallen lassen, um ins Geschäft zu kommen“, sagt sie lachend.

Wenzlik ist eine echte Geschäftsfrau, sie kennt den Umgang mit Kunden nach dieser langen Zeit in- und auswendig. Diese teilen mit ihr wöchentlich die schönen Momente des Lebens, aber auch die traurigen. Zum Abschied habe ihr ein treuer Kunde ein Bild, das er von ihr im Verkaufswagen gemacht hat, geschenkt.

Auch Schokolade und Pralinen erhält sie viel – die Kunden möchten sich alle bei ihr bedanken. „An Silvester war dann als Überraschung die ganze Belegschaft zu meinem Abschied da, das hat mich sehr mitgenommen“, sagt Wenzlik sichtlich ergriffen.

Sie selbst geht mit einem lachenden und einem weinenden Auge in ihren wohlverdienten Ruhestand. Für diesen hat sie noch keinen genauen Plan. Fest steht aber: Ihre Kollegen will sie weiterhin sehen, das hat sie versprochen. Auch die Kunden wird sie im Alltag antreffen. „Und mein Hund freut sich, dass ich jetzt zu Hause bin“, sagt sie lachend. (Jenny Breiding)

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