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Das Schicksal von Salomon Spier: Gedenkstein ohne Gedenken

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Der Grabstein von Salomon Spier ist braun. Die alte Inschrift ist kaum noch zu erkennen.
Der Grabstein von Salomon Spier in Merzhausen mit einer hebräischen Inschrift. © Bernd Lindenthal

Ein Grabstein und ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof in Merzhausen werfen Fragen auf. Durch eine Recherche dieser Zeitung wurden Antworten gefunden.

Merzhausen – Am 1. September 2022 wurde für Salomon Spier, der Theresienstadt überlebt hatte und in seinen Geburtsort Merzhausen zurückgekehrt war, ein Gedenkstein gesetzt. Dies geschah auf Wunsch von Verwandten in den USA und weil alle Beteiligten bis dahin der Überzeugung waren, es gebe keinen Grabstein für Salomon Spier.

Die auf dem Stein unten genannten Enkelinnen Henriette und Berna wurden Anfang Januar 1939 durch einen Kindertransport nach England gerettet.

Es gab bereits einen Grabstein

Auf Grund von Hinweisen von Anneliese Hoos hat nun Andreas Schmidt von der „Kommission für die Geschichte der Juden in Hessen“ in Wiesbaden vor Ort auf dem jüdischen Friedhof Merzhausen eindeutig festgestellt, dass es einen Grabstein für Salomon Spier gibt.

Der Stein befand sich nicht in der chronologischen Ordnung, sondern in der Reihe dahinter als achter Stein von rechts und direkt hinter dem Grab seiner Ehefrau Githa Spier, geb. Levi aus Ottrau (25.10.1868 - 4.6.1933).

Andreas Schmidt bemerkt zu dem ungewöhnlichen Standort: „Möglicherweise war diese Grabstelle ursprünglich für die Ehefrau des 1908 verstorbenen Levi Spier reserviert, der direkt links von Salomon Spier beerdigt wurde. Die Ehefrau des Levi Spier, Jeanette, geb. Plaut, überlebte den Holocaust und wohnte zuletzt bis zu ihrem Tod 1953 in Tel Aviv (Israel). Vermutlich war ihr Schicksal 1947 in Merzhausen bekannt. Man wusste also, dass die Grabstelle, wo Salomon Spier beerdigt wurde, noch frei war.“

hebräische Inschrift

Die von Andreas Schmidt aus dem Hebräischen übersetzte Inschrift lautet: „Hier ruht ein aufrechter und geehrter Mann, er ging auf untadeligem Weg: Schlomo, Sohn des Benjamin, gestorben 16. Kislev 708 und begraben 19. Kislev 708 nach der kleinen Zählung. Seine Seele sei eingebunden im Bunde des Lebens.“

Diese Angaben entsprechen dem 29. November und 2. 12. 1947. Die beiden deutschen, zum Teil verwitterten Zeilen darunter lauten:“ Salomon Spier gest. 29. Nov. 1947“. Geboren wurde er am 28. September 1864 in Merzhausen.

Der neue Gedenkstein von Salomon Spier ist schwarz. Die Inschrift lautet: „Zum Gedenken an Salomon Spier. Geboren: 28. September 1864 in Willingshausen; Gestorben: 29. November 1947 in Merzhausen; verehrt von seinen Enkelinnen Henriette und Berna“
Der neue Gedenkstein von Salomon Spier auf dem jüdischen Friedhof in Merzhausen. © Heinrich Keller

Salomon Spier wohnte in der Judengasse 4

Anneliese Hoos ist die Enkelin von Konrad Hoos, der im Februar 1939 das Haus Nr.60 (heute Judengasse 4) von Salomon Spier gekauft hatte. Nach ihren Angaben behielt Spier zunächst noch das Wohnrecht, musste aber später in ein Ghettohaus in Treysa ziehen, von wo er mit den letzten verbliebenen Schwälmer Juden am 6. September 1942 deportiert wurde.

Das Haus von Salomon Spier in Merzhausen ist ein Fachwerkhaus.
Das Haus von Salomon Spier in Merzhausen steht in unmittelbarer Nachbarschaft zur ehemaligen Mikwe. © Sylke Grede, Heinrich Keller, Bernd Lindenthal

Er sei im Sommer 1945 zurückgekehrt, habe eine Zeit lang in einem Erholungsheim in Kassel gewohnt, bis er ab Mai 1946 wieder in seinem Haus gelebt habe. Ihr Großvater habe Spier versprochen, sich um die Ausrichtung des jüdischen Begräbnisses und die Beerdigung zu kümmern. Der Grabstein sei am 5. November 1948 gesetzt worden.

Frau Hoos teilt mit: „Rechnungen, die die Überführung des Leichnams von Salomon Spier nach Merzhausen, den Sarg und die Beerdigung betreffen, existieren noch. Eine Beschreibung der Beerdigung, die von der jüdischen Nachkriegsgemeinde in Ziegenhain (Lager Trutzhain) ausgerichtet wurde, gibt es ebenfalls. Auch die Rechnungen vom Krankentransport, dem Krankenhaus und den Ärzten liegen vor. Von dem Steinmetz, Heinrich Knierim aus Treysa, gibt es noch zwei Quittungen.“

Anneliese Hoos hat ihre Forschungen zu Salomon Spier, seiner Familie und zu den Merzhäuser Juden noch nicht abgeschlossen. Es bleibt zu hoffen und wäre wünschenswert, dass sie einmal veröffentlicht werden. (Bernd Lindental)

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