Fremde treffen aufeinander

Doktorarbeit zur Künstlerkolonie Willingshausen beschreibt Aufeinandertreffen von Kunst und Dorf

Das Foto zeigt ein Repros eines Bildes vom Maler Adolf Lins. Mehrere Kinder laufen Gänsen hinterher.
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Typisch für den Maler Adolf Lins: Gänse und Kinder. Repros: Bernd Lindenthal

Die Historikerin Silke Gonder hat eine Doktorarbeit über Dorf und Künstlerkolonie am Beispiel Willingshausen geschrieben. Unter anderem gibt die Arbeit einen Überblick über die Kolonie im Zeitraum zwischen 1814 und 1930.

Willingshausen – „Moler mol mich ma ab!“ Mit diesem Ruf boten sich besonders die Kinder gerne den Künstlern in Willingshausen an, schrieb Heinrich Giebel in der Rückschau im Jahre 1918. „…die gemeinsame Geschichte der Willingshäuser und der Künstlerkolonie (…) kommt nicht empor aus der Leere, hat einen Beginn und keinen Beginn, hat einen Schluss und keinen Schluss, alle Geschichten sind wie Leinen verwoben, miteinander auf das Engste verstrickt.“

Diese geheimnisvolle Feststellung im Text der Doktorarbeit von Silke Gonder enthält zwei wichtige Gesichtspunkte. Zum einen untersucht ihr methodischer Ansatz erstmals das Verhältnis von Willingshausen zu der Malerkolonie, inwieweit Dorf und Kunst aufeinander einwirkten, zum anderen ist eines ihrer Ergebnisse, dass die Bezeichnung Künstlerkolonie erst ab etwa der Jahrhundertmitte, also ab 1850 berechtigt ist und nicht schon mit Gerhard von Reutern. Dieser habe zeitgemäß gemalt, man blieb als Adel unter sich und distanziert. Seine Modelle stammten „nahezu ausschließlich aus dem Kreis der Bediensteten des Schlosses und nicht aus den übrigen Willingshäuser Familien.“

Künstlerkolonie Willingshausen: Doktorarbeit geht Fragen des Miteinanders auf den Grund

Sein künstlerisches Umfeld suchte Willingshausen nicht als gemeinsames Studienziel auf. Andererseits weist Gonder darauf hin, dass von Reutern einen gewissen Nährboden für nachfolgende Künstler schuf, sei es durch seine Verbindungen nach Kassel (Familie von der Embde) oder in seiner Düsseldorfer Zeit (Jakob Becker, Jacob Fürchtegott Dielmann). Professoren prägten ihre Schüler. Es dürfte kein Zufall sein, dass Heinrich Hasselhorst und Karl Raupp - Schüler von J. Becker - nach Willingshausen kamen, und Ludwig Knaus kannte Bilder Dielmanns. Die Doktorarbeit ist so aufgebaut, dass zunächst der Ort in mikrohistorischer Art vorgestellt wird, wobei „der einzelne Mensch im Dorf die kleinste Untersuchungseinheit“ ist. Die Dorfentwicklung soll aber auch in die übergeordnete Geschichte eingebunden werden.

Im mittleren Teil wird der Überblick über die Künstlerkolonie im Zeitraum von etwa 1814 bis 1930 gegeben. Der letzte Part der Trias versteht sich als Forschung zur Stadt-Land-Begegnung und Fremdheitserfahrungen. Hier geht es um Fragen des Miteinanders, der Annäherung, Akzeptanz und Distanz und der wechselseitigen Beeinflussung. Als Ausgangsthese wird formuliert, „dass das Aufeinandertreffen der Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft (…) nicht wirklich konfliktfrei einzuschätzen ist“ und das Fremdheitsempfinden intensiver auf Seiten der Künstler zu finden sei.  

Künstlerkolonie Willingshausen: Erste Maler fanden nur eine Gastwirtschaft vor

Mit Hilfe der Brandversicherungskataster wird Willingshausen als eng bebautes Haufendorf beschrieben, das nicht durch große Bauernhöfe geprägt ist. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung betreiben ein Gewerbe (besonders häufig Leinenweber) oder sind Tagelöhner und können als Landarme bezeichnet werden. Der Rest lebte bis zur Flurbereinigung („Verkoppelung“) 1905 wegen der Belastungen der bäuerlichen Grundstücke mit Dienstbarkeiten und der Besitzzersplitterung eher schlecht als recht.

Die ersten Maler fanden nur eine Gastwirtschaft mit Übernachtung vor. Ab 1850 konnten sie mit der Bahn bis Treysa oder Neustadt reisen und sich von dort holen lassen oder zu Fuß den Ort erreichen. Nicht die stolzen Bauerngüter der Schwalm, sondern die bescheidenen Verhältnisse in Willingshausen machten also den malerischen Reiz aus, der die Maler anlockte.

Für Giebel waren ausschlaggebend „die schöne Landschaft, der kernige Menschenschlag mit seiner malerischen Tracht sowie das anregende und gemütliche Zusammensein mit Collegen aus den verschiedensten Kunststädten“. Ähnlich äußerten sich Ludwig Knaus und Carl Bantzer, der 1935 die Veränderung der Landschaft und den Rückgang der Tracht bitter beklagte. Unerhört empfand er, dass junge Mädchen lieber schwarze als weiße Strümpfe anziehen wollten, weil diese so leicht verschmutzten und „Glasperlen und ähnlichen Flitter“ den alten Bernsteinketten vorzogen. Er meinte sogar, dass hier „ein Eingreifen der Landesstelle für bäuerliches Brauchtum“ nötig wäre, um die „geschmacklosen und plunderhaften Ketten“ zu verbieten. Ähnlich wie Otto Ubbelohde bedauerte er auch die Zerstörung der Landschaft, z. B. das Verschwinden der Huten mit den alten Eichen und Buchen und die Sprengung der Quarzitblöcke östlich von Merzhausen bis zum Zella´schen Kopf: „Die Landschaft wird auch bei uns, wie überall durch Maßnahmen der Wirtschaft und des Verkehrs immer mehr von ihrer Schönheit einbüßen, ganz besonders die Wasserläufe.“ (Bernd Lindenthal)

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