Innungsobermeister über Testpflicht, Masken und Chancen

Friseure werben für Verständnis

Immer direkt am Stuhl, derzeit ausschließlich mit FFP2-Maske: Innungsobermeister Carsten Ciemer in seinem Salon in Willingshausen-Loshausen.
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Immer direkt am Stuhl, derzeit ausschließlich mit FFP2-Maske: Innungsobermeister Carsten Ciemer in seinem Salon in Willingshausen-Loshausen.

Trotz Bundesnotbremse dürfen Friseurgeschäfte im Landkreis geöffnet sein, doch müssen die Friseure viele Vorkehrungen treffen und überprüfen.

Willingshausen – Nicht jeder Kunde reagiert verständnisvoll, wir sprachen mit Innungsobermeister Carsten Ciemer (Loshausen) darüber und wie die Stimmung in der Branche der „körpernahen Dienstleistung“ jetzt ist.

Wie läuft es diese Woche in Ihrem Salon?
Carsten Ciemer: Besonders ruhig, das liegt daran, dass viele verunsichert sind wegen der nun geltenden Vorschriften. Seit voriger Woche müssen Kunden und Salonangehörige FFP2-Masken tragen und ein höchstens 24 Stunden altes Schnelltestergebnis vorweisen. Es ist okay, nach dem Neustart im März haben die Teams ja durchgearbeitet.
Wie reagieren die Leute auf die Testpflicht?
Da ist alles dabei, von denen, die die zusätzliche Sicherheit begrüßen bis zu denen, die laut schimpfen und das verweigern wollen. Es ist wirklich sehr anstrengend im Moment mit der Durchsetzung.
Geben Sie da nach?
Natürlich nicht. Im Übrigen bin ich auch überzeugt davon. Mancher verkennt, dass es nicht nur um seine Person geht, sondern auch um den Schutz des Personals. Ich finde die vielen Bürgertestmöglichkeiten sehr hilfreich. Das ist unkompliziert, und wenn ich es zu entscheiden hätte, sollten auch voll Geimpfte sich weiter testen. Jeder Test ist wichtig und Teststellen gibt es inzwischen überall. Ich bin einmal geimpft und setze das Testen auf jeden Fall fort. Es bringt Sicherheit und es ist wichtig, um symptomlos Infizierte zu finden.
Was sehen Sie als problematisch an derzeit?
Es wurde vorige Woche zu unvermittelt auf Landesebene entschieden, die Änderungen wurden den Menschen aber nicht gut erklärt, das macht es uns jetzt schwer. Landes- und Kreisvorstand der Friseurinnung haben gut zu tun damit, die Mitglieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Wenn wir helfen können, tun wir das auch für die Nichtmitglieder, das sind zuallererst Kollegen. Sehr anstrengend ist das Arbeiten mit der FFP-2-Maske.
Wie ist denn das Klima in der Friseurinnung Schwalm-Eder?
Das ist familiär und vertrauensvoll, wir waren deutlich vor der Coronakrise sehr zusammengerückt, vom Chef bis zum Lehrling. Alles kann thematisiert werden, Austausch ist heute viel üblicher geworden und einfach wichtig. Wir starten jetzt wieder mit einem Online-Stammtisch und hoffen, dass bald in Präsenz vieles wieder möglich ist.
Wie würden Sie also die Stimmung in Ihrem Berufsstand allgemein beschreiben?
Wir sind nach den beiden langen Schließungsphasen zuerst einmal froh, dass wir offen haben dürfen im Gegensatz zur Gastronomie. Aber wir sind auch ganz schön gefordert, was wir aber gern tun. Wenn unsere Geschäfte zubleiben müssen, fehlt auch uns selbst viel – es war zermürbend in der Zeit von Mitte Dezember bis zum 1. März. Das Alleinsein kennt der Friseur ja eigentlich gar nicht. Wir brauchen das Leben im Salon bis hin zum Geräusch des Föhns.
Viele Abläufe mussten pandemiebedingt verändert werden, hat das ein oder andere sein Gutes?
Durchaus, das grundsätzliche Waschen ist zum Beispiel einfach hygienischer. Hygiene und auch Wellness ist in unserer Branche grundlegend seit den ersten Zunfttagen der Bader im Mittelalter. Ich nehme wahr, dass das Ansehen von uns Friseuren in der Pandemie angestiegen ist. Wir gehen mit den Kunden ganz unmittelbar um und beweisen unsere Kompetenz dabei.
Wie sehen denn die Standards aus, die Sie zum Beispiel in Ihrem Loshäuser Salon haben?
Wir leiten die Kunden im Einbahnstraßensystem, Spender für hochwertige Handdesinfektion sind selbstverständlich, alle geltenden Regeln sind an der Tür zu lesen, alle AHA-Regeln werden strikt befolgt, es wird bei jedem die Temperatur gemessen, in kurzen Abständen stoßgelüftet, jeder Platz wird vor jedem neuen Kunden gereinigt. In meinem Salon dürfen sich insgesamt höchstens fünf Menschen befinden, wir haben daher einen Schichtbetrieb eingerichtet. Kunden, die erkältet sind, werden wirklich nicht bedient.
Klingt nach viel Aufwand.
Ist es auch, wir sind am Limit. Das Zeitfenster für jeden einzelnen Kunden ist größer, das ist einerseits gut, aber es muss sich eben auch in der Preisliste widerspiegeln. Bei den früher dürftigen Löhnen tut sich zugleich etwas, bei den Auszubildenden und den Gesellen, und das ist positiv.
Wie ist es für Sie, alle Kunden wieder zu sehen, Sie sind ja auch in Seniorenheimen im Einsatz.
Das ist wirklich sehr schön, viele freuen sich so sehr. Mir fällt auf, dass nicht wenige Heimbewohner nach der langen Zeit der Isolation jetzt einen stillen, vereinsamten Eindruck machen. Der Besuch des Frisörs ist für sie eine Aufheiterung, viele erzählen dann von ihrer Frisur, wie sie früher war. Wir haben es erlebt nach der Öffnung im März, dass die Menschen Tränen in den Augen hatten und tief dankbar waren, dass sie wieder hübsch gemacht wurden.
Was möchten Sie den Kunden noch sagen?
Bleibt den Friseuren jetzt treu und wandert nicht in die Schwarzarbeit ab. Wir sollten doch unbedingt öffnen im März, bitte jetzt nicht wegbleiben wegen des „Muttizettels“.

(Anne Quehl)

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