Goethe auf dem Spargelacker

Schauspieler Reimund Groß bot Literarisches in Willingshausen

Reimund Groß (vorn) war zu Gast in der Reihe „Baumgeflüster“, diesmal direkt vor der Dorfmühle in Willingshausen
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Tritt sonst auf Bühnen in Berlin, Stuttgart und Bonn auf: Reimund Groß (vorn) war zu Gast in der Reihe „Baumgeflüster“, diesmal direkt vor der Dorfmühle.

Der Schauspieler Reimund Groß war am Samstag zu Gast in Willingshausen. Beim 13. Baumgeflüster - einer Lesung im Freien unter imposanten Bäumen - entführte Groß die Besucher in seine, wie er sagte, ganz eigene Welt.

Willingshausen. Rammstein goes Kant und Goethe auf dem Spargelacker – so die literarischen Ausflüge des Schauspielers, Regisseurs und Melkers Reimund Groß beim 13. Baumgeflüster vor der Dorfmühle. Erstmals machte die Serie des Baumgeflüsters innerorts Station. Im Schatten einer Platane zwischen Kulturhaus „AnTreff“ und Hofladen das übliche Strohballen-Lager.

Auf dem roten Sofa nahm der gebürtige Mühlhausener Reimund Groß Platz und entführte sein Publikum mit in seine ganz eigene Welt: „Meine Welt hat ihre eigenen Gesetze. In meiner Welt bringt die folgende Ecke nie etwas ein. In meiner Welt gehe ich in der Zeit, nicht mit der Zeit. Mit der Zeit kann man nur vergehen in meiner Welt“, so der poetische Auftakt des in Deutschland weit umhergekommenen Schauspielers, der seine bodenständigen, landwirtschaftlichen Wurzeln niemals vergessen hat.

Goethe vor der Dorfmühle

Im Gegenteil: Zu Zeiten der Lockdowns, wo alle Theaterbühnen geschlossen waren, hat ihn seine einstige landwirtschaftliche Ausbildung und das Melken von Kühen gar den Lebensunterhalt gesichert. „Montagfrüh stehe ich wieder im Melkstand“ verriet Groß, der in seinen „Balladen aus der Quarantäne“ literarische Größen wie beispielsweise Shakespeare, Hoffmann, Eichendorff, Brecht, Kant oder Goethe in neuen Kontexten sprechen ließ. Groß, dem die Bretter, die die Welt bedeuten, so lange verwehrt wurden, schlug den Weg auf den Spargelacker ein und zitierte Faust mit: „Da steh ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor. Mich Plagen weder Skrupel noch Zweifel, fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel, habe zwar einen Soforthilfeantrag gestellt, doch mit Bedenken und mit Unwohlsein, mache mich nicht allzu gern gemein. Es ist halt wirklich nicht das Geld, was meine Welt im Innersten zusammenhält“, so Groß. „Ich weiß, dass jeder Versuch den Naturzwang zu brechen, in dem Natur gebrochen wird, nur umso tiefer in den Naturzwang hineinführt. Weiß, wenn wir die falschen Dinge perfekt machen, sind sie am Ende auch perfekt falsch“, parlierte der Schauspieler, der auch seinen Bruder Ernst Groß vom Kunst- und Werkhof Großropperhausen im Publikum ausmachen konnte.

Zuhörer spendeten viel Aplaus

Reimund Groß spielte in Berlin, Stuttgart, Bonn und Zittau – liebte das Leben in Metropolen, lebt inzwischen aber gerne wieder im ländlichen Brandenburg und schaut seinen Braunviehkühen ins Auge. „Kultur auf dem Land funktioniert, wenn man sich nicht für was Besseres hält, nur weil man mal über den Tellerrand geblickt hat“, sagt der Schauspieler, der in seiner neuen Heimat mit Begeisterung Dorftheater inszeniert.

Die Zuhörerschaft genoss das gekonnte literarische Gastspiel, saugte die Poesie quasi in sich auf und kommentierte mit verschmitztem Schmunzeln und reichlich Applaus. (Regina Ziegler-Dörhöfer)

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