Mit Beatles auf St. Pauli

Gungelshäuser erlebte die 68er-Jahre in Hamburg

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Erzählte von den 68er-Jahren: Der Künstler Hans Schrewe ist dem alternativen Lebensstil seiner Jugend treu geblieben. In Gungelshausen lebt er im Ellerhaus eines alten Schwälmer Bauernhofes. Dort betreibt er ein Kulturprojekt. 

Gungelshausen. Vor 50 Jahren wirbelten die 68er Deutschland durcheinander. Musik, sexueller Aufbruch oder der Wunsch nach einer gesellschaftlichen Revolution trieben viele junge Menschen an.

So auch Künstler Hans Schrewe aus Gungelshausen. Er erlebte diese Zeit im Hamburger Stadtviertel St. Pauli. Dort verbrachte der inzwischen 69-Jährige seine Kindheit und Jugend.

Jugendlicher auf St. Pauli gewesen zu sein, war anders als in Großropperhausen, ist er überzeugt. Das Rotlichtmilieu prägte sein Heranwachsen. Als Kind spielte er beim 1. FC St. Pauli, da sei der Trainer ein Zuhälter gewesen. Das Taschengeld besserte er sich auf, indem er vor deren Türen auf junge Frauen aufpasste, die ihre Freier empfingen.

„Die Studentenunruhen waren nicht meine Welt“, erzählt Schrewe, der angibt, in einem schöngeistigen Milieu aufgewachsen zu sein, das insbesondere durch den Vater geprägt war, der als Jazzmusiker auch Größen wie Louis Armstrong kennengelernt habe. Überhaupt sei es in Hamburg weniger politisch zugegangen, eher eine „kulturelle Bewegung“. „Hamburg, das waren die Rolling Stones, das waren die Beatles“, sagt der Gungelshäuser. 

Die vier Jungs aus Liverpool waren bereits während seiner Schulzeit in Hamburg aufgetaucht, der Starclub lag drei Straßen weiter. Geprobt hätten die Beatles in der Aula seiner Schule, erinnert sich der 69-Jährige. Die vier erschienen ihm als „vollkommen heruntergekommen“. 

Fackeln drehen: Hans Schrewe beim „umsonst und draußen“ Festival in Hamburg-Rissen.

Auch Schrewes Welt war die Musik. Inzwischen studierte er an der Hochschule für Musik und Theater, beteiligte sich an einem Club. Klavier, Orgel und Gitarre sind seine Instrumente. Unter anderem spielte er mit dem Jazzmusiker Klaus Doldinger.

Schrewe lernte in dieser Zeit in Hamburg auch die späteren RAF-Terroristen Karl-Heinz Dellwo und Werner Hoppe kennen. Deren Gedankenwelt habe ihn „angeekelt“, meint er. Immer wieder passte der Leitspruch seiner Jugend: „Du hast alles mitgekriegt, musstest aber nicht alles mitmachen.“ Das trifft auch auf den Umgang mit Drogen zu. Seit 50 Jahren beobachte er, wie Drogen konsumiert werden. „1968 starben in Hamburg die, die an der Nadel hingen, wie die Fliegen weg“, erzählt Schrewe. 

Denjenigen, die harte Drogen konsumierten, versuchte Schrewe mit Freunden zu helfen. „Da haben wir zum Beispiel saubere Spritzbestecke verschenkt, aber auch versucht, die Leute von den Drogen wegzubekommen.“ 

Insgesamt sei der Konsum von Drogen ein anderer gewesen als heute, ist Schrewe überzeugt. Es sei mehr ein Gemeinschaftserlebnis gewesen, das Kreativität – psychedelische Kunst – freisetzen. „Drogen waren da, um Mitmenschlichkeit zu intensivieren.

Hippie-Zeiten: Hans Schrewe machte Anfang der 70er-Jahre mit Freunden Urlaub in Spanien. 

1980 zog es Hans Schrewe in die Schwalm. Hamburg als Hafenstadt sei eine Welt für sich, er habe in die Mitte Deutschlands gewollt. In der Schwalm wurde er durch seine Kerzenkunst schnell als „Kerzen-Hans“ bekannt. Dem Lebensstil seiner Jugend ist er treu geblieben. In Gungelshausen betreibt er das Kulturprojekt Giselle Tszara, mit seinem Schäferwagen bereist er Mittelaltermärkte.

Haben auch Sie, liebe Leser, die 68er-Jahre als besonders erlebt oder kennen jemanden im Schwälmer Land? Gerne wollen wir Sie Ihre Geschichte erzählen lassen. Wenden Sie sich an die Schwälmer Allgemeine, Tel. 06691/961427 oder syg@hna.de

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