Antisemit kam 1890 an die Macht

Doktorarbeit zur Künstlerkolonie: Willingshausen und die Juden

Dieses Motiv zeigt Schwälmerinnen in Erwartung der tanzlustigen Burschen. Repros: Bernd Lindenthal
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Vieles spricht dagegen, dass die Willingshäuser Maler bis 1930 antisemtisch waren. Dieses Motiv zeigt Schwälmerinnen in Erwartung der tanzlustigen Burschen. Repros: Bernd Lindenthal

Die Historikerin Silke Gonder hat eine Doktorarbeit zu Dorf und Künstlerkolonie am Beispiel Willingshausens geschrieben. In mehreren Teilen stellen wir sie vor. Hier den Abschluss.

Willingshausen – Die Doktorarbeit von Silke Gonder (Marburg 2019) hat das Potential, zum neuen Standardwerk über Willingshausen und seine Künstler zu werden. Allerdings sollten vor dem Buchdruck noch einige Ergänzungen aufgenommen werden. So ist trotz des mikrohistorischen Ansatzes und dem Vorsatz, den gesellschaftspolitischen Kontext einzubeziehen, die Jüdische Gemeinde nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen. Auch auf die Tatsache, dass der Altkreis Ziegenhain von 1890 bis 1911 bei allen Reichstagswahlen von einem ausgesprochenen Antisemiten gewonnen wurde, wird nicht eingegangen.

Nach der völligen staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden am Ende des Norddeutschen Bundes und mit der Verfassung von 1871 entstand im Deutschen Reich eine antisemitische Gegenbewegung, die auch von den Verlierern des industriellen Aufschwungs gespeist wurde. Der erste sichtbare Erfolg dieser parteipolitisch zersplitterten Bewegung gelang dem Bibliothekar Otto Böckel, der den Wahlkreis 5 des Regierungsbezirks Kassel (Marburg, Frankenberg, Kirchhain) bei der Reichstagswahl 1887 gewann. Bei dieser Wahl war auch im Wahlkreis 3 (Fritzlar, Homberg, Ziegenhain) der Antisemit Max Liebermann von Sonnenberg angetreten. Er erreichte aus dem Stande und fast ohne Wahlkampf 39,3 Prozent. Die Wahl gewann der Konservative Otto von Gehren. In Willingshausen stimmten 35 Personen für von Gehren, 51 für Liebermann. Bei der folgenden Wahl, 1890, setzte sich der Antisemit problemlos durch und erzielte 61,2 Prozent der Stimmen. Offensichtlich fiel sein Programm - Aufhebung der Gleichberechtigung und die Stellung der Juden unter Fremdenrecht - auf fruchtbaren Boden.

Doktorarbeit über Künstlerkolonie: Pfarrer startet Wahlaufruf für die Konservativen

In der nächsten Wahl im Juni 1893 bestätigte er diesen Sieg (61,5 Prozent), wobei Willingshausen leicht unter diesem hervorragenden Ergebnis, Merzhausen leicht darüber und Wasenberg mit 99 Prozent deutlich darüber lag. Nur im Gutsbezirk gehen 11 von 12 Stimmen an die Konservative Partei. Das fast gleiche Bild fünf Jahre später: Liebermann gewann mit 76,1 Prozent, allerdings war die Wahlbeteiligung sehr niedrig. Das Besondere bei der Wahl 1903 war ein Wahlaufruf für Pfarrer Johann Ludwig Wagner aus Verna für die Konservativen, der u. a. von 47 Personen aus Willingshausen unterzeichnet wurde, darunter Bürgermeister Hooß, der spätere Bürgermeister Hans Curth Dörr, (dessen Tochter Marie Elisabeth Modell bei Bantzer und Giebel war), Gastwirt Völker, Pfarrer Hartwig, Gastwirt Adolf Haase, Lehrer Steinmeyer und viele Handwerker, Landwirte und Tagelöhner. Einige hatten als Modelle engeren Kontakt zu den Malern. Dennoch siegte wiederum Liebermann mit 67,8 Prozent. In Wasenberg erreichte er 92, in Merzhausen 73 und in Willingshausen 60 Prozent. Auch die Wahl von 1907 entschied der Antisemit deutlich für sich mit 63,4 Prozent (Wasenberg 90, Willingshausen 68, Merzhausen 58 Prozent). (Bernd Lindenthal)

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