Willingshausen

„Besorgte Bürger“ wollen Ort umbenennen: Stand ein Nazi Pate für den Namen?

Der Stützpunkt Eurpoas ältester Künstlerkolonie: Das Gerhardt-von-Reutern-Haus soll aufwendig saniert werden. Auch das kritisiert die Gruppe „Besorgte Bürger im Schwalm-Eder-Kreis“ um Erwin Hochfeld.
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Der Stützpunkt Eurpoas ältester Künstlerkolonie: Das Gerhardt-von-Reutern-Haus soll aufwendig saniert werden. Auch das kritisiert die Gruppe „Besorgte Bürger im Schwalm-Eder-Kreis“ um Erwin Hochfeld.

Stand ein Nazi Pate für den Ortsnamen Willigshausen im Kreis Kassel? Eine Gruppe möchte jetzt, dass der Ort umbenannt wird.

Willingshausen - Mit einem handfesten Skandal verlässt Erwin Hochfeld die politische Bühne. Der langjährige Willingshäuser SPD-Kommunalpolitiker tritt gegenüber dem hessischen Innenministerium als Sprecher einer Gruppe „Besorgte Bürger im Schwalm-Eder-Kreis“ auf.

In einem 43-seitigen Schreiben an das Ministerium will die Gruppe belegen, dass aus ihrer Sicht die Willingshäuser Maler um Carl Bantzer dem Nationalsozialismus nahestanden – und somit hohe öffentliche Förderungen wie zum Beispiel die vom Bund für das Gerhardt-von-Reutern-Haus fragwürdig erscheinen. Auch sollte nach Ansicht der Gruppe um den Wasenberger Hochfeld aus diesem Grunde die Großgemeinde nicht den Namen „Willingshausen“ tragen.

Maler sollen Nazis sein: Große Empörung

Dieses Schreiben sorgt für größte Empörung – von Willingshausen bis Berlin. Auf Druck der Willingshäuser SPD-Fraktion hat Hochfeld inzwischen sein Amt als Fraktionssprecher niedergelegt und sein Mandat als Gemeindevertreter aufgegeben. Die Willingshäuser SPD distanziert sich vehement von Erwin Hochfeld. „Die Willingshäuser SPD darf nicht auf eine Person reduziert werden“, erklärt der neue Fraktionssprecher Heinz Knoch. „Empörung ist noch untertrieben“, schimpft Willingshausens Bürgermeister Heinrich Vesper (FDP). Für ihn ist es unbegreiflich, dass man gegen seine eigene Gemeinde derart vorgeht.

Fassungslosigkeit ebenso in Berlin: Auch SPD-Bundestagsabgeordneter Edgar Franke distanziert sich von seinem Parteikollegen. Durch Frankes Unterstützung steuert der Bund 1,3 Millionen Euro zum Umbau des Reutern-Hauses bei. Aus seiner Sicht sollte man die Willingshäuser Malerkolonie nicht auf die Epoche des Nationalsozialismus reduzieren. Fast gelassen klingt dagegen Erwin Hochfeld: Inhaltlich habe er damit gar nichts zu tun, erklärt er. Dass er seinen Namen dafür hergegeben habe, sei ein Fehler gewesen, räumt er ein. Deshalb habe er seine Ämter niedergelegt. Als Autoren verweist er auf den Wasenberger Heinz Heilemann.

Als mehr als bizarr wertet Erster Kreisbeigeordneter Jürgen Kaufmann die Aktion der Gruppe „Besorgte Bürger“ um den Wasenberger Erwin Hochfeld. Die historischen Wurzeln dieses Feldzugs sieht er in den 70er-Jahren, der Gebietsreform. Und in der Tat stellt der Autor des Schreibens, der nach Angaben Hochfelds der Wasenberger Heinz Heilemann sein soll, den Bezug her. „Das Land Hessen war damals von einer Nacht- und Nebelaktion von den Nachkommen der Maler zur Namensgebung und damit der strategischen Ausrichtung der neuen Kommune überzeugt worden“, heißt es in dem Schreiben, das dem Innenministerium zuging. Neben diesem Aspekt werden zwei weitere Punkte in dem Pamphlet bunt durchmischt. Da geht es zum einen um den Nachweis, dass Maler um Carl Bantzer dem Nationalsozialismus nahestanden. Als Belege dazu sollen Internetverweise, eine wissenschaftliche Arbeit und Zeitungsartikel dienen.

Maler sollen Nazis sein: Hohe Finanzmittel

In den Fokus nimmt der Autor aber auch den aktuellen Kunstbetrieb in Willingshausen. Außergewöhnlich hoch seien die Finanzmittel, welche in das Malerdorf, seine Gebäude, Kunsthallen, Stipendien, Werbung und Betreibergesellschaften gesteckt werden, merkt die Gruppe „Besorgte Bürger“ an und ist sich sicher: „Diese Gehabe ist nicht zu stoppen solange diese Kommune Willingshausen heißt und kein Einhalt für den Künstlerwahn gegeben wird.“ Auch wird aus Sicht der Gruppe die ehrenamtliche Tätigkeit gut bezahlt. Das weist Uli Becker-Dippel, Geschäftsführerin der Willingshäuser Tourismusgesellschaft, von sich. „Das Ehrenamt wird nicht bezahlt“, betont sie. Es gebe lediglich eine Aufwandsentschädigung für die Geschäftsführertätigkeit.

Das Schreiben Erwin Hochfelds an das Innenministerium.

Angesprochen wird auch die Sanierung des Gerhardt-von-Reutern-Hauses. Der Gemeinde wurde dafür eine nicht rückzahlbare Zuwendung in Höhe von bis zu 1,3 Millionen Euro gewährt. Dem sei ja bereits eine inhaltliche Prüfung des Willingshäuser Kunstbetriebs vorausgegangen, erklärt Bürgermeister Heinrich Vesper. Für die Aufnahme in dieses Förderprogramm habe Willingshausen jede Menge Unterstützung durch den Bundestagsabgeordneten Edgar Franke und den Kanzleramtsminister Helge Braun erfahren.

Die Streitschrift der „Besorgten Bürger“ liegt der HNA in zweifacher Form vor. Einmal in der, die sich an das Innenministerium richtet, und in ähnlicher Form an die Grünen-Bundestagsabgeordnete Bettina Hoffmann. Im Anschreiben an die Bundespolitikerin bezeichnet sich der Wasenberger Erich Korell, Mitglied der Freien Fraktion Willingshausen, als Ansprechpartner (Sylke Grede).

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