1. Startseite
  2. Lokales
  3. Schwalmstadt
  4. Willingshausen

Musiker aus Leidenschaft: Konzert mit Hans-Reiner Schmidt heute in Stadtallendorf

Erstellt:

Von: Jenny Breiding

Kommentare

Die Brass Band Hessen mit Hans-Reiner Schmidt in Dirigenten-Position: Am Sonntag treten die 28 Blechbläser und vier Schlagzeuger zum ersten Mal in der Stadthalle in Stadtalllendorf auf. Der Eintritt ist frei.
Die Brass Band Hessen mit Hans-Reiner Schmidt in Dirigenten-Position: Am Sonntag treten die 28 Blechbläser und vier Schlagzeuger zum ersten Mal in der Stadthalle in Stadtalllendorf auf. Der Eintritt ist frei. © Florian Fietz / Norbert Klöppel

Im heimischen Posaunenchor in Zella-Loshausen begann seine Liebe zur Posaune, die sich später zu einer beeindruckenden Musiker-Karriere entwickeln sollte.

Zella – Hans-Reiner Schmidt ist jahrzehntelang Mitglied des hr-Sinfonieorchesters gewesen, er ist Musiker durch und durch. Doch der Weg dahin war kein leichter. Geboren in Zella begann Schmidt bereits in seiner frühen Kindheit im heimischen Posaunenchor das Kuhlo-Flügelhorn zu spielen. Das sogenannte „Ei“ bediene heute gar keiner mehr, sagt er lachend.

Vor allem seine Eltern hätten ihn von Anfang an unterstützt. Sein Vater, der im Besitz eines Malerbetriebes war, nutzte damals die Chance, seinen Jungen regelmäßig zu den Proben der Jungbläser zu fahren, um dort nach kurzer Zeit im Hauptposaunenchor auch ein Instrument zu lernen.

Schon damals spielte Schmidt zur Blasmusik von Ernst Mosch. Noch wusste er nicht, dass er mit seinem Idol später mal auf Tournee gehen würde. Einige Jahre später spielte Schmidt im Tanz- und Blasorchester Schwalmstadt an der Seite erfahrener Militärmusiker. „Das war eine sehr gute Schule“, sagt er. Erst Jahre später habe er gemerkt, wie viel ihm diese Musiker im jungen Alter schon beigebracht hatten.

Nach dem Abitur sollte es an die Universität in Würzburg gehen. Mit dem Professor war bereits alles abgesprochen, auch eine Posaune lag bereit. Doch ein Autounfall machte ihm zunächst einen Strich durch die Rechnung. Schmidt verbrachte die nächsten Jahre mit Behandlungen, Operationen und Genesung. Doch als angehender Musiker hat man Zeitdruck, die Branche wartet nicht. „Man muss den richtigen Zeitpunkt treffen, um erfolgreich zu werden. Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren“, erzählt Schmidt.

Die Musik ist für ihn elementar: Hans-Reiner Schmidt spielte 32 Jahre lang im Rundfunk- und Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks.
Die Musik ist für ihn elementar: Hans-Reiner Schmidt spielte 32 Jahre lang im Rundfunk- und Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks. © Florian Fietz / Norbert Klöppel

Gesagt – getan. 1978 fängt er ein Studium bei Prof. Martin Göss an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main an. Immer noch im Rollstuhl sitzend übte er dennoch so viel es ging. „Das muss man schon wollen, es war ein Kampf“, erzählt er. Vor allem die Probespiele, denen man sich auf dem Weg zur Profi-Karriere immer wieder stellen muss, seien nervenzehrend. „Da wird rundenweise aussortiert. Wer nicht liefert, kann gehen.“

Vor allem die Ansatz- und Atemtechniken beim Spielen seien von Bedeutung, auch das Mundstück mache viel aus, sagt Schmidt. Und nicht immer würden Menschen in Orchestern gebraucht. Dazu komme, dass man nicht an jedem Tag im Jahr funktioniere. „Es braucht auch immer ein wenig Glück“, sagt er.

Unter diesem Druck stehend, hielt damals nicht jeder durch. Schmidt erzählt von Bekanntschaften, die trotz ihres Talents auf einmal einen anderen Beruf ausübten und das Instrument an den Nägel hingen. Er selbst wusste, dass er nicht den Betrieb seines Vaters übernehmen wollte, dass die Musiker-Karriere sein Ziel war. „Musik war für mich schon immer, den Perfektionismus zu suchen“, sagt er.

Die Profi-Karriere war sein Traum. Er blieb dran und gewann ein Probespiel, das ihm den Eintritt in das Rundfunkorchester des Hessischen Rundfunks (hr) bot. Schmidt war nun Erster Posaunist, er hatte es geschafft. Doch schnell wurde er auf die nächste Probe gestellt.

Ein weiterer Autounfall in 1990, der ihn eineinhalb Jahre – geprägt von erneuten Operationen, Lungenembolien und weiteren Verletzungen – kostete. Die Ärzte warnten Schmidt, doch Aufgeben war keine Option. „Die Musik war und ist für mich elementar. Ich brauchte dieses Gefühl, das ich im Orchester hatte, zurück.“ Es sei eine harte Zeit gewesen, aber sie seischließlich gut ausgegangen, sagt er.

In 1992/93 fusionierten beim hr das Rundfunk- und Sinfonieorchester. „Der Druck war auf einmal ein ganz anderer. Warum man es bis ins Orchester geschafft hatte, musste ständig bewiesen werden“, erzählt Schmidt. Dennoch habe er besonders die Gemeinschaft in diesem Orchester geschätzt.

Auch am Wochenende war er mit den Kollegen aus der hr-Brass Band unterwegs. Wenn sie nicht probten oder selbst aufführten, besuchten sie andere Konzerte. So anstrengend der Beruf auch war, Schmidt schien ihn genießen zu können. „Das ist ein 24-Stunden-Job, das ist dein Leben“, sagt er.

Mehrmals im Jahr ging das Orchester für mehrere Wochen auf Tournee. Einmal sei er vier Wochen in Amerika und im Anschluss daran zwei weitere in Asien gewesen, erzählt Schmidt. Auch mit Udo Jürgens durfte er auftreten.

Schmidt war an der Gründung vieler Formationen beteiligt. Mittlerweile ist er nicht nur Profi an der Posaune – er dirigiert, komponiert und arrangiert. Auch Lehraufträge und Workshops blieben nicht lang aus. Hans-Reiner Schmidt will seine Erfahrungen an die jungen Leute weitergeben, sagt er.

Ein gebührender Abschied in 2016

Zu seiner Pensionierung in 2016 sollte ein Kammerkonzert stattfinden. Die anfängliche Planung einer kleinen Veranstaltung erledigte sich jedoch schnell, als sich rumsprach, dass „Schmidti“ in Rente geht. Kollegen und Freunde aus allen Richtungen riefen an, um Teil seines Abschieds zu sein.

„Alle wollten mitmachen“, erzählt er immernoch fassungslos. Am Abend des Konzerts sei dann auf der Bühne das Chaos ausgebrochen. „Es war mir egal, auf die Bühne sollte kommen, wer auf die Bühne kommen wollte“, scherzt er. „Wir haben vorher nicht viel geübt, jeder spielte für den Abend. Und es wurde legendär.“

Nach dem Konzert packte ihn die Wehmut. „Als ich zurückdachte, fühlten sich die letzten Jahre sehr richtig an“, sagt Schmidt lächelnd. Diesen Abend werde er nie vergessen, da ist er sich sicher.

Doch die Pension ist für Schmidt kein Grund zum Ausruhen. Am kommenden Sonntag tritt er nun mit der Brass Band Hessen zum ersten Mal in der Stadthalle in Stadtallendorf auf. Wer sich von Hans-Reiner Schmidt und der Band, die von ihm und Simon Dillmann gegründet wurde, selbst überzeugen möchte, darf das „Welcome 2023“-Konzert um 17 Uhr besuchen. Der Eintritt ist frei.
(Jenny Breiding)

Auch interessant

Kommentare