1. Startseite
  2. Lokales
  3. Schwalmstadt
  4. Willingshausen

Willingshausen: Neue Ausstellung in der Kunsthalle rückt Künstlerkolonie in den Mittelpunkt

Erstellt:

Von: Sandra Rose

Kommentare

Haben die Schau vorbereitet: von links Kunsthistoriker Dr. Ingo Gabor, Historikerin Silke Gonder und Paul Dippel von der WTB.
Haben die Schau vorbereitet: von links Kunsthistoriker Dr. Ingo Gabor, Historikerin Silke Gonder und Paul Dippel von der WTB. © sandra rose

Schwalmstadt – „200 Jahre Tracht als Motiv“ – so heißt eine neue Ausstellung der Kunsthalle Willingshausen, die am Samstag mit einer Vernissage eröffnet wurde. Kuratiert worden war die Schau der Vereinigung Malerstübchen von Historikerin Dr. Silke Gonder zusammen mit Paul Dippel von der Willingshausen Touristik Betriebsgesellschaft (WTB). Zu sehen sind die Werke aus dem Archiv des Malerstübchens und zu großen Teilen auch aus Privatbesitz noch bis zum 13. November – sie spannen den Bogen der Willingshäuser Malerkolonie von der Frühzeit bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Einführung hielt Kunsthistoriker Dr. Ingo Gabor, der sich vor knapp zwölf Jahren als Stipendiat der C.H. Schmitt-Stiftung wissenschaftlich mit der Tracht beschäftigte und dazu auch ein Buch verfasste. Ihre Ursprünge habe die Tracht um 1800, als sie sich als eigenständige Volkskultur entwickelte. Im Grundtypus fanden sich Einflüsse des Rokokos und der Uniformen wider. „Dieses konventionelle Kleidungsverhalten beruht bis heute auf einer allgemein konservativen Einstellung, einem ausgeprägten Standesdenken, einem strengen Sittenkodex, der Liebe zur Heimat und dem Willen zur Erhaltung der tradierten Kultur“, erklärte Gabor. In der Frühzeit – bis in die 1840er-Jahre – wirkten Künstler wie Gerhardt von Reutern, Ludwig Emil Grimm und Jakob Fürchtegott Dielmann, sie bildeten die Tracht weitgehend authentisch ab. Dagegen waren die Trachten bei den Malern der zweiten Generation der Willingshäuser Künstler (um 1850) nicht mehr das alleinige Bildmotiv, „es ging ihnen nicht mehr in erster Linie um die originalgetreue Wiedergabe, sondern um malerische Kompositionen“.

Schwälmer Tracht als Bildgegenstand

In der „Dritten Generation“ (1880 bis 1918), die der Kunsthistoriker als „Ära Carl Bantzer“ bezeichnet, herrschte schließlich die größte Vielfalt an künstlerischen Darstellungsformen und künstlerischen Techniken. Alle bisher von den Willingshäuser Malern bevorzugten Ereignisse, Bildthemen und künstlerischen Techniken traten auch hier auf. „Oft handelt es sich um großformatige Ölgemälde, vor allem, wenn es sich um mehrfigurige Darstellungen handelt“, so der Trachtenexperte. In der Blütezeit bedienten sich die Künstler auch der Fotografie als weiteres Bildmedium. Es kamen Ansichts- und Kunstkarten mit Abbildungen der bedeutendsten Bilder mit Schwälmer Motiven auf den Markt, die erheblich zur Popularität der Schwalm beitrugen.

Jäh beendet wurde die Ära durch den Ersten Weltkrieg, der zum „allmählichen Absterben“ der Künstlerkolonie führte. „Es fehlten der Zuzug neuer Künstler und damit auch neue Ideen und Impulse. So waren es vor allem die älteren Künstler wie Hermann Metz, Heinrich Otto, Heinrich Giebel, Adolf Lins und Hans von Volkmann, die immer wieder nach Willingshausen zurückkehrten, so die Gewohnheiten aufrechterhielten, aber schlussendlich „frischen Wind“ vermissen ließen“, resümierte der Kunsthistoriker. Bemerkenswert sei, dass nach 1945 auch Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Tracht als Bildmotiv aufgegriffen hätten – Friedrich Kunitzer, Vincent Burek und Henner Knauf. Sie veränderten sie jedoch in ihrem persönlichen Stil und stellten sie verändert dar, verdeutlichte Ingo Gabor weiter. Gegen Ende des künstlerischen Schaffens in Willingshausen seien neben Ölgemälden auch „neue“ künstlerische Techniken, wie der Linolschnitt bei Knauf und Burek sowie Wandbilder bei Günter Heinemann hinzugekommen.

Wichtig sei zu erwähnen, dass die Bildquellen eine Forschungsgrundlage für wissenschaftliche Arbeiten über die Schwälmer Tracht im 19. Jahrhundert darstellten. „Allerdings zeichnen sich manche Bildquellen durch eine idealisierte Darstellung der Trachten aus, was die Forschung erschwert. So wird in der neueren Literatur die Authentizität der in den Bildern dargestellten Trachten und damit auch der dokumentarische Gehalt einiger Bilder angezweifelt“, sagte Gabor.

Die Schwälmer Tracht sei als Bildgegenstand in der gesamten Zeit der Malerkolonie nie ganz verdrängt worden und werde zum Teil bis heute, beispielsweise in Arbeiten der Stipendiaten, neu interpretiert.

Auch interessant

Kommentare