Strafe auf Bewährung für einen ehemaligen Häftling

Sie wollten dem Arzt nur eins auswischen

Treysa. Zwei Männer mussten sich vor dem Amtsgericht in Treysa wegen Falschverdächtigung eines Dritten verantworten.

Laut Staatsanwaltschaft hat sich der Vorfall bereits Anfang 2013 ereignet. Damals saßen die beiden Angeklagten als Häftlinge im Ziegenhainer Gefängnis. Der ältere der beiden Männer, ein 65-jähriger Deutscher, verbüßt nach wie vor eine längere Gefängnisstrafe, der zweite Mann, ein 59-jähriger Türke ist mittlerweile auf Bewährung frei.

Bei den Angeklagten handelte es sich keineswegs um unbeschriebene Blätter: Sowohl der 65-Jährige wie auch der 59-Jährige beschäftigen seit Jahrzehnten die Justiz. Das Verlesen des Strafregisters der zwei Männer dauerte mehrere Minuten.

Im Februar 2013 beschuldigten die beiden den damaligen Anstaltsarzt der offenen Ausländerfeindlichkeit. Während einer Behandlung sollte der Arzt gegenüber dem 59-jährigen Türken gesagt haben, er hasse dessen Landsleute. Ein daraufhin von den beiden Gefangenen angestrengtes Strafverfahren verlief im Sande, die Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Wegen dieses Falschvorwurfs mussten sich nun die Männer ihrerseits verantworten.

Im Laufe der vierstündigen Verhandlung ging es darum, wer was wann wo gesagt oder gehört haben könnte. Rasch stellte sich heraus, dass wohl der 65-jährige deutsche Häftling die treibende Kraft hinter gewesen war. Er hatte sämtliche Schreiben aufgesetzt, sein Kompagnon nur die Unterschrift daruntergesetzt.

„Er habe doch nur helfen wollen“, sagte der 65-Jährige mit tränenerstickter Stimme und stilisierte sich auch im Gerichtsaal als zu Unrecht beschuldigter Menschenfreund.

Bis ins Detail wurde der vermeintliche Vorfall im Gerichtssaal rekonstruiert. Er sei damals mit dem Doktor im Behandlungszimmer gewesen, sagte der ehemalige Häftling. Auf die Frage des Richters, ob denn noch jemand dabei gewesen war, verstrickte sich der 59-Jährige in Widersprüche. Auf hartnäckiges Nachfragen gab er schließlich zu, dass doch noch ein Krankenpfleger im Raum gewesen sei.

Der als Zeuge anwesende ehemalige Anstaltsarzt war ob der Vorwürfe immer noch sichtlich empört. Fragen seitens der Verteidigung parierte er sehr ruppig und fühlte sich angegriffen. „Ich kann mir nach wie vor nicht vorstellen, dass er so perfide ist, so etwas zu produzieren“, sagte der Arzt mit Blick auf den 59-Jährigen.

Im Plädoyer stellte der Staatsanwalt nochmals fest, dass die Beschuldigungen gegen den Arzt falsch gewesen seien. Vielmehr hätten beide Angeklagten gemeinsam einen Tatplan geschmiedet, um dem Mediziner eins auszuwischen.

Lügen seit Jahrzehnten

So sah es auch das Gericht und verurteilte den 65-Jährigen zu sechs Monaten auf Bewährung und den 59-Jährigen zu vier Monaten, ebenfalls auf Bewährung.

Mit Blick auf den 65-jährigen Deutschen sagte der Vorsitzende Richter: „Seit 30, 40 Jahren beschäftigen Sie die Gerichte und lügen, um sich Vorteile zu verschaffen.“

Noch im Gerichtsaal kündigte die Verteidigerin des 65-Jährigen Berufung an.

Von Matthias Haaß

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