Schüler und Konfirmanden gestalteten in Frielendorf die Gedenkandacht

Zeichen gegen das Vergessen

Symbolische Gesten: Konfirmanden zerschlugen einige Dachziegeln. Die Gräueltaten des 9. November 1938 sollten so verdeutlicht werden. Foto: Haaß

Frielendorf. Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen, die mahnenden Worte der Schüler der Klassen 8b und 8c der Ohetalschule Verna zogen sich am Sonntagabend durch alle Beiträge der Andacht vor der ehemaligen Synagoge in Frielendorf im Gedenken an die Opfer der Pogromnacht am 9. November 1938.

Politische Gemeinde und das evangelische Kirchspiel Frielendorf erinnerten am Sonntag zum 26. Mal gemeinsam an den Beginn der Vertreibung jüdischer Mitbürger in Frielendorf und in Deutschland. Knapp 60 Menschen hatten sich in diesem Jahr vor dem ehemaligen jüdischen Gotteshaus in der Hauptstraße versammelt. Mit den Frielendorfer Konfirmanden und den Schülern der Ohetalschule nahmen auch zahlreiche Jugendliche an der Andacht teil und gestalteten diese aktiv mit. Der Posaunenchor sorgte für die musikalische Begleitung.

„Leider müssen wir feststellen, dass der Antisemitismus nicht nur latent in Einstellungen und Vorstellungen in Teilen der Bevölkerung vorhanden ist. Offene Judenfeindlichkeit ist längst wieder Alltagswirklichkeit geworden“, sagte Frielendorfs Bürgermeister Birger Fey angesichts von antisemitischen Auswüchsen im rechtsradikalen aber auch radikal muslimischen Umfeld so mancher Großstadt und der vermeintlichen Anonymität des Internets. „Erinnerung und Verantwortung müssen immer wieder ausgesprochen und gelebt werden“, so das Fazit von Frielendorfs Gemeindeoberhaupt.

Schicksalstag der Deutschen

Der 9. November sei der Schicksalstag der Deutschen, sagte Pfarrer Swen Kuchenbecker. Neben dem freudigen Ereignis des Mauerfalls vor 25 Jahren würden aber nicht nur bei den Menschen, sondern auch zunehmend in den Medien die schrecklichen Ereignisse vor 76 Jahren immer mehr verdrängt. „Zu unserer Geschichte, unserem Wesen gehören auch die weniger schönen Seiten“, sagte Kuchenbecker und erinnerte an die Ereignisse in Nordhessen im November 1938: „Hier ging es schon zwei Tage vorher los. Nordhessen war der Probelauf für die Pogromnacht und darauf kann man nicht stolz sein. Die Legende vom Volkszorn ist gelogen. Das Ganze ist initiiert worden. Wir sind nicht verantwortlich, haben aber die Verantwortung das so etwas nie wieder passiert.“

Als symbolische Geste und Erinnerung an den 9. November 1938 zerschlugen Konfirmanden auf dem Platz vor der Frielendorfer Synagoge einige Dachziegeln. Der verharmlosende Begriff „Reichskristallnacht“ wurde durch die klirrenden Geräusche der auf dem Pflaster zerspringenden Ziegel erschreckend real und greifbar. Es ist geschehen, folglich kann es wieder geschehen – der einprägsame Satz der Schüler der Ohetalschule Verna blieb am Ende der Andacht als Warnung haften und begleitetet die Besucher auf den Nachhauseweg.

Von Matthias Haaß

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