Einzigartige Grabmalkunst auf dem Neukirchener Friedhof soll saniert werden

Zeugnisse aus dem Barock in Neukirchen

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Halbseitig grün: Bürgermeister Klemens Olbrich und Bauamtsleiter Michael Slabon haben sich von Dr. Walter Weishaar (von links) den Schaden am Epitaph zeigen lassen. 

Neukirchen. Das Ensemble der Epitaphen an der Marienkapelle und der Leichenhalle in Neukirchen stellt in seiner Gesamtheit eine in Hessen einzigartige Abfolge der Grabmalkunst vom Frühbarock bis 1724 dar. Dr. Walter Weishaar vom örtlichen Geschichtsverein hat die Epitaphen seit Längerem im Blick.

Kürzlich machte er eine traurige Entdeckung: Das einzige kolorierte dieser 25 angebrachten, leider nur teilweise überdachten Epitaphen war durch Regenwasser erheblich in Mitleidenschaft gezogen worden. Grund war wohl eine defekte Dachrinne. „Das unter Denkmalschutz stehende Grabmal ist halbseitig grün verfärbt, durch Moose und Flechten sind weitere Oberflächenschäden neben der durch seine ungünstige Lage bedingten Abwitterung zu befürchten“, erklärt Weishaar.

Wetterschutz muss her

Schnell musste nach Meinung des Heimatforschers gehandelt werden. Bei einem kurzfristig anberaumter Ortstermin mit Prof. Dr. Peer Zietz (Marburg) und Klaus Ganz (Homberg), beide Vertreter der Denkmalbehörde, und Vertretern der Stadt fand sich eine kurzfristige Lösung. „Die Mitarbeiter des Bauhofes werden einen Wetterschutz errichten“, erläutert Bauamtsleiter Michael Slabon.

Die Denkmalbehörde hält das Ensemble für erhaltenswert: „Es ist eine Sanierung des Epitaphs geplant“, erklärt Bürgermeister Klemens Olbrich. Vorschläge für die Restaurierung würden vom Neukirchener Steinmetzmeister Holger Ritter erwartet. Er hatte sich bereits bei dem Aufstellen der Epitaphe 1988 mit den Grabmalen beschäftigt. Die Grabsteine dokumentieren das aufstrebende, wohlhabende, gehobene Bürgertum im kleinen Neukirchen des 17. und 18. Jahrhunderts, verdeutlich Weishaar. Hier hingen die Grabsteine der Honoratioren Neukirchens aus dieser Zeit – die von sechs Bürgermeistern, Pfarrern, Stadträten, zweier Stadtförster, eines Präzeptors (Schulmeisters), Kaufmanns und anderen Personen mit ihren Familienangehörigen.

Dabei hätten die Hinterbliebenen seinerzeit keine Kosten für aufwendige, repräsentative und auch teure Grabmale gescheut: „Heute würde ein solcher Grabstein in etwa so viel wie ein Kleinwagen kosten, um die 20 000 Euro und mehr“, erklärt der Heimatforscher.

Reich an Symbolik

Reich sind die Grabmale auch an Symbolik des Früh- und Spätbarock: Der Sensenmann in Form eines Skeletts ist Zeichen für begrenztes Leben. Auf allen Steinen finden sich Symbole einer Sanduhr und gekreuzte Knochen. „Epitaphe dokumentieren gelebtes Christentum“, ist Weishaar überzeugt.

Schon 2008 veröffentlichte der Neukirchener zu den Grabmalen einen Artikel im Schwälmer Jahrbuch. Ein Vortrag in der Marienkapelle ist in Vorbereitung.

Stichwort: 

Denkmal an der Kirchenwand

Epitaph (griechisch „zum Grab gehörend“) wird eine Grabinschrift oder ein Grabdenkmal für einen Verstorbenen an einer Kirchenwand oder einem Pfeiler bezeichnet. Epitaphe können künstlerisch aufwendig gestaltet sein und befinden sich im Unterschied zum Grabmal nicht zwangsläufig am Bestattungsort. Besonders im 16. und 17. Jahrhundert führte das wachsende Repräsentationsbedürfnis des Bürgertums und des Adels zu einer schnellen Weiterentwicklung der Epitaphien. 

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