Barriefreiheit im Alltag

Ist Schwalmstadt rollstuhlgerecht? Katja Hussmüller prüft die Stadt bei einem Spaziergang

Durch das grobe Kopfsteinpflaster kann Katja Hussmüller den Paradeplatz nur sehr schwer erreichen. Die ständige Wackelei durch die unregelmäßigen Steine erschwert es ihr, ihren Rollstuhl über die Kinnlenkung präzise zu steuern. Hündin Sunny schlendert nebenher.
+
Durch das grobe Kopfsteinpflaster kann Katja Hussmüller den Paradeplatz nur sehr schwer erreichen. Die ständige Wackelei durch die unregelmäßigen Steine erschwert es ihr, ihren Rollstuhl über die Kinnlenkung präzise zu steuern. Hündin Sunny schlendert nebenher.

Ob ein Bürgersteig abgesenkt ist oder ein paar Zentimeter hoch, daran denken viele Menschen nicht. Für Rollstuhlfahrer ist aber genau das Alltag. Wir begleiteten Katja Hussmüller bei einem Spaziergang.

„Das Kopfsteinpflaster sieht vielleicht schön aus, aber geeignet für Rollstuhlfahrer ist es nicht“, stellt Katja Hussmüller ohne Umschweife fest. Die 43-jährige Ziegenhainerin nutzt seit einem schweren Autounfall 1997 einen Rollstuhl. Gemeint ist mit ihrer Aussage das grobe Kopfsteinpflaster, das rund um den Paradeplatz verlegt wurde, als dieser vor wenigen Jahren neu gemacht wurde.

Denn wie rollstuhlgerecht und barrierefrei ist Schwalmstadt eigentlich? Das fragten wir, die Schwälmer Redaktion, uns und hakten bei Katja Hussmüller nach. Bei einem Spaziergang mit ihrer Hündin Sunny und ihrem Partner Boris Franz, der auch Teil ihres Pflegeteams ist, macht sie auf Stellen und Orte in Schwalmstadt aufmerksam, die für Rollstuhlfahrer komplett oder teilweise ungeeignet sind. Sie zeigt aber auch solche, wo gute barrierefreie Lösungen gefunden wurden.

Der Paradeplatz in Ziegenhain ist so eine Sache. Durch das Kopfsteinpflaster auf der Straße, die den Platz umrundet, kommt Hussmüller nur schwer und sehr langsam auf den Platz. Für Außenstehende sieht es sehr holprig aus.

Durch ihre hohe Querschnittslähmung kann sie neben ihren Beinen auch ihre Arme und Hände nicht bewegen und steuert ihren akkubetriebenen Elektro-Rollstuhl über eine Kinnlenkung. Holpert sie nun über Kopfsteinpflaster, drückt ihr Kinn in vielen Momenten ungewollt gegen die Lenkung und steuert sie unter Umständen wohin, wo sie gar nicht hinmöchte.

Barriefreiheit in Schwalmstadt: Paradeplatz nur schwer erreichbar für Rollstuhlfahrer

Wenn sie aber einmal auf dem Platz angekommen ist, kann sie wieder super fahren, denn im Inneren des Platzes wurde Kies verteilt. Sie gibt jedoch zu bedenken, dass Rollstuhlfahrer, die sich selbst anschieben, dort womöglich Probleme bekommen könnten. Dass gerade der Paradeplatz für Leute wie sie so schwer zu erreichen ist, findet Hussmüller besonders schade, da dort Weihnachtsmärkte, Wochenmärkte und Kirmes-Ansingen stattfinden.

Michael Seeger, Pressesprecher der Stadt Schwalmstadt, teilte der HNA auf Anfrage mit: „Im Vorfeld der Platzumgestaltung im Jahr 2011 wurde das Großpflaster bewusst ausgesucht, weil es sich optisch gut in den historischen Paradeplatz einfügt.“ Er räumt jedoch ein, dass es sich dabei „sicher nicht um eine ideale Lösung für Rollstuhlfahrer“ handele. Aus diesen Erfahrungen heraus würden beim Kirchplatz in Treysa die Natursteine gerade abgeschnitten werden.

Die Bahnhofstraße in Treysa wurde hingegen sehr schön gemacht: „Alles ist so weitläufig. Man muss nur einmal parken und kann dann überall hin. Auch zur Schwalm-Galerie“, freut sich Hussmüller. Früher sei sie meist in Kassel shoppen gewesen, jetzt erledigt sie das in Treysa. Sehr gut findet sie auch, dass unter anderem das Finanzamt, die Sparkasse, die Kulturhalle und die Tourist-Info in Ziegenhain alle mit einer Rampe ausgestattet sind und so für Rollstuhlfahrer aber auch für Menschen mit Rollatoren oder Kinderwagen erreichbar sind.

Auf der Landgraf-Philipp-Straße überlegt sie sich ganz genau, welchen Weg sie nimmt. Von der Festungsstraße kommend nimmt sie den rechten Bürgersteig. „Man sucht sich seine Wege und nimmt dann immer dieselben.“ Auf dem linken Bürgersteig gebe es kaum Absenkungen und dort sei der Weg auch schlechter.

Barrierefreiheit in Schwalmstadt: Mehr abgesenkte Bordsteine

Doch kurz vor der großen Kreuzung mit Ampel taucht auf dem Bürgersteig eine neue Baustelle auf, die den Weg nur noch halb so breit macht – zu schmal für sie. Hussmüller ist also gezwungen, auf die Straße zu fahren. Autos müssen ihr ausweichen. Stress kommt auf. Als sie nach ein paar Metern wieder auf den Bürgersteig möchte, steht sie vor einem wortwörtlich unüberwindbaren Problem: Obwohl der Bordstein nur gute vier bis fünf Zentimeter hoch ist, stellt sich das kleine Hinterrad quer und sie kommt nicht auf den Bürgersteig. Auch Boris Franz schafft es nicht alleine, sie auf den Weg zu hieven. Glücklicherweise hält binnen Sekunden ein Motorradfahrer an und packt mit an, sodass Hussmüller wieder sicher auf den Gehweg kommt.

Wegen einer Baustelle auf dem Gehweg der Landgraf-Philipp-Straße musste Katja Hussmüller auf die Straße ausweichen – und kam dann nicht mehr hinauf. Auch die Hilfe ihres Partners Boris Franz reichte nicht aus. Ein Motorradfahrer stoppte rasch und half.

Hussmüller und Franz sind sich einig, dass es überall mehr Absenkungen geben sollte. Man sei ansonsten gefangen auf dem Bürgersteig, so die 43-Jährige. Franz ergänzt, dass es ja auch kein großer Aufwand sei, immer mal wieder zwei Steine durch abgesenkte auszutauschen.

Im Großen und Ganzen ist Hussmüller aber zufrieden: „Ich wohne sehr gerne in der Schwalm.“ Und: „Man arrangiert sich. Es gibt immer nette Menschen, die helfen. Und die Schwalmwiesen sind traumhaft.“ Auf dem geteerten Weg auf den Dammwiesen geht sie gerne mit Sunny spazieren – oft sogar von Ziegenhain bis nach Treysa.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.