Gefängnisdirektor ist Schlossherr

Hessisches Schloss ist Hochsicherheitsknast - aus dem ein Mörder mit Panzer befreit wurde

+
So fest wie Ziegenhain: Das Ziegenhainer Landgrafenschloss ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Es liegt mitten in der historischen Wasserfestung, die als uneinnehmbar galt bis Napoleons Truppen sie schleiften. Wie kaum eine andere Festungsanlage in Deutschland ist die Ziegenhainer noch erhalten.

Vom Jagdschloss zum Zuchthaus zum Hochsicherheitsgefängnis: Das Ziegenhainer Landgrafenschloss liegt mitten in der historischen Wasserfestung, die lange als unannehmbar galt.

Schlösser und Burgen sind im Schwälmer Land im Verhältnis zu anderen Regionen rar gesät. Das liegt an dem Machtmonopol, das im Mittelalter die Grafen von Ziegenhain, später die Landgrafen von Hessen zunächst in einer Burg und später in der Festung Ziegenhain an sich zogen. Noch heute dominiert in der Festung das Schloss, das 1470 zum landgräflichen Jagdschloss umgebaut wurde.

Öffnungszeiten zur Besichtigung des historischen Gemäuers sucht man an der Pforte aber vergeblich. Denn der Schlossherr ist inzwischen ein Gefängnisdirektor: Ab 1821 wurde das Schloss als Zuchthaus genutzt. Heute ist der Gebäudekomplex mitten in der historischen Festungsanlage ein Hochsicherheitsgefängnis mit Hessens zentraler Einrichtung für Sicherungsverwahrte

Spektakulärer Ausbruch: Mörder mit Panzer aus Haft befreit

Obwohl die JVA Schwalmstadt im ehemaligen Landgrafenschloss als ziemlich sicher galt, gelang dort 1993 ein spektakulärer Ausbruch, als Komplizen einen Mörder mit einem Panzerfahrzeug befreiten.

Wie ein Streichholz knickte nach der Schilderung des Wachpersonals das Südtor des Ziegenhainer Gefängnises um, das der Panzerspähwagen durchbrach. Links das alte Landgrafenschloß, rechts der Erweiterungsbau der Justizvollzugsanstalt.

Der wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte Lothar Luft (52) aus dem Rodgau wurde am 4. April 1993 um 13.25 Uhr mit einem Panzerspähwagen der Bundeswehr aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Schwalmstadt-Ziegenhain befreit. 

Lesen Sie dazu auch: "Alarm! Alarm! Panzer versucht, in die Anstalt einzudringen"

Der Panzerspähwagen „Fuchs" war in der Woche zuvor aus der Herrenwaldkaserne Stadtallendorf gestohlen worden, was allerdings erst kurz vor der Befreiungsaktion festgestellt worden sein soll. Er näherte sich mit hohem Tempo dem Südtor des Gefängnisses und durchbrach vier Tore und Sperrgitter. Zu dieser Zeit befanden sich Luft und acht weitere Häftlinge zur sogenannten Freistunde im Hof. Luft stieg blitzschnell in den Panzer ein, der Schwalmstadt in Richtung Alsfeld verließ. Von der Schusswaffe machten die Justizbediensteten während der spektakulären Befreiungsaktion keinen Gebrauch, was später als vorbildlich bezeichnet wurde: Maschinenpistolen gegen Panzer - aussichtslos. Eventuelle Querschläger aber hätten Beamte und Gefangene treffen können.

Luft, der 1992 nach mehreren Ausbruchsversuchen „aus Sicherheitsgründen" von Butzbach nach Ziegenhain verlegt worden war, stieg im Raum Alsfeld vom Panzer in einen Pkw um. 

Luft war 1986 wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Ihm wurde zur Last gelegt, seine Ehefrau, die Schwiegermutter und eine dritte Frau, zu der er Beziehungen hatte, ermordet zu haben. Er starb vor einigen Jahren in einem Hospiz, nachdem er zuvor in der JVA Kassel eingesessen hatte.

HNA-Artikel vom 20. April 1993: 2,5 Tonnen schwer war jeder der 18 Betonklötze, die 1993 nach der Befreiung des Mörders Lothar Luft mit einem Panzer am historischen Lüdertor vor der Justizvollzugsanstalt aufgestellt wurden.

Staatsschatz in der Festung Ziegenhain

Auch ohne Besichtigung von Schloss bzw. Gefängnis lässt eine Tour rund um das Schloss Ziegenhains militärische Bedeutung in der hessischen Geschichte erahnen. Ziegenhain deckte Kassel vor Einfällen von Süden her, stellte inmitten einer ertragreichen Gegend ein bedeutendes Versorgungsdepot dar und war zugleich das Bindeglied zwischen den Festungen Gießen und Kassel. 

Die hessischen Landgrafen hielten ihre Festung Ziegenhain für so zuverlässig, dass sie hier ihr Archiv einrichteten und den Staatsschatz unterbrachten; hier wurden ebenfalls die Finanzmittel des Schmalkaldischen Bundes verwahrt. Aber auch als sicheres Staatsgefängnis für politische Gefangene wurde die Festung benutzt.

Blick durch das Lüdertor: 1993 wurde durch das Tor im neueren Gefängnisteil ein Mörder mit einem Panzer befreit, der zuvor bei der Bundeswehr in Stadtallendorf gestohlen worden war. Der Fall ging weltweit durch die Presse.

Der Grundriss der Wasserfestung Ziegenhain war so eindrucksvoll, dass Karten davon in fast allen Lehrbüchern und Kartensammlungen zum Festungswesen zu finden sind. 

Wasserfestung Ziegenhain hatte nur einen Zugang

An den vier Ecken der Festung befanden sich Erdrondelle mit einer Höhe von bis zu elf Metern und bis zu 25 Metern oberem Durchmesser. Vor dem Rondengang lag der Wallgraben, 45 Meter breit. Den Wallgraben umgab ein 65 Meter breites Glacis (Erdanschüttung), an das sich ein zweiter, flacherer Graben, Schargraben genannt, anschloss. 

Die Festung hatte nur einen einzigen Zugang, und zwar auf der Ostseite, direkt neben dem Nordostrondell. Dorthin führte der Weg über zwei Brücken durch den Wall, von Kasematten gesichert. Spuren davon sind heute noch deutlich sichtbar. 

Das heutige Stadtbild spiegelt die zwei entscheidenden Epochen der Stadtgeschichte wider, die Zeit des spätmittelalterlichen Residenzausbaus und die Zeit der militärischen Befestigung – im ovalen Kern die Bauten des ehemaligen Schlosses und die mittelalterliche Stadt mit Mauern, Türmen und Bürgerhäusern sowie im geringen Abstand um diesen Kern die Festungsanlagen. 

Einen großen Teil des Stadtinneren nimmt der Paradeplatz in Anspruch, der 1769 anstelle abgebrannter Häuser errichtet wurde. Ihn umstehen die Wache, das Steinerne Haus (ehemals Burgmannenhaus, heute Museum der Schwalm), das ehemalige Staatsarchiv, die Garnisonskirche (Schlosskirche) und die Schlossbauten mit den Ergänzungsbauten für die Justizvollzugsanstalt. 

Quelle: Elmar Broll, Marburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.