Schlechte Bezahlung und Vorurteile

Männliche Erzieher sind im Schwalm-Eder-Kreis die Ausnahme 

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Erzieher Patrick Heidenreich spielt in der Kindertagesstätte Regenbogen in Ziegenhain mit Linus (links), Matheo und Elias Memory.

Schwalm-Eder. In den Kitas im Landkreis arbeiten kaum Männer. Ein männlicher Erzieher und eine Kita-Leiterin berichten von ihren Erfahrungen und nennen mögliche Gründe, warum sich nur wenige Männer für eine Ausbildung zum Erzieher entscheiden. 

Der Männeranteil am Betreuungspersonal in Kindergärten und Kitas im Schwalm-Eder-Kreis ist weiterhin gering. Im vergangenen Jahr arbeiteten im Landkreis laut Angaben des Statistischen Landesamtes 40 Männer in Tageseinrichtungen für Kinder. Das waren gemessen am gesamten Personal 3,4 Prozent der Beschäftigten. Der Anteil ist relativ konstant: 2017 haben 44 Männer in den Kindertagesstätten der Region gearbeitet. 

Die Zahlen beziehen sich nicht nur auf das pädagogische Personal, sondern berücksichtigen auch das Leitungs- und Verwaltungspersonal. Stichtag der Erhebung ist jeweils der 1. März eines Jahres. Es werden öffentliche und freie Träger erfasst. Die Statistiker fragen dabei nach dem höchsten erreichten Berufsabschluss. Demnach hatten im Schwalm-Eder-Kreis im vergangenen Jahr 28 der 40 Männer eine abgeschlossene Ausbildung zum Erzieher. 

Erste Bildungsinstanz

In Hessen ist der Männeranteil in Kindergärten und Kitas etwas höher. Dieser lag im Jahr 2018 nach Angaben des Statistischen Landesamtes bei 8,1 Prozent. Insgesamt entscheiden sich aber auch landesweit nur wenige Männer für den Beruf des Erziehers. Mögliche Gründe sind unter anderem die schlechte Bezahlung, Stereotype und Vorurteile. „Dem Beruf hängt noch immer das Klischee der Basteltante an. Wir sind aber die erste Bildungsinstanz“, sagt die Leiterin der Kindertagesstätte Regenbogen in Ziegenhain, Renate Schuster. 

Auch an der Hephata Akademie für soziale Berufe in Schwalmstadt gehen nur wenige Männer nach ihrer Ausbildung in eine Kita. Viele würden sich wegen besserer Verdienstmöglichkeiten für einen Job in einer Behinderten- oder Jugendhilfeeinrichtung entscheiden, sagt Matthias Epperlein-Trümner von der Akademie.

Dabei fehlt es vielen Kindergärten und Kitas an Fachkräften. Es werden dringend Erzieher gesucht, aber allen voran Männer entscheiden sich nur selten für den Beruf. Ein Überblick über die möglichen Gründe: 

Die Bezahlung

Ein wesentliches Problem ist, dass der Beruf des Erziehers nach Meinung von Fachkräften und Experten nicht angemessen bezahlt wird. Er verdiene im Vergleich zu anderen Berufen wie Friseur zwar etwas mehr, sagt Erzieher Patrick Heidenreich. Die Bezahlung müsste aber besser sein. „Wir haben eine immens hohe Verantwortung“, sagt der 27-Jährige, der in der Kita Regenbogen in Ziegenhain arbeitet.

Häufig wird kritisiert, dass die Ausbildung zum Erzieher größtenteils nicht vergütet wird. Kita-Leiterin Renate Schuster nimmt die Politik in die Pflicht. Der Beruf des Erziehers müsste finanziell aufgewertet werden. Zudem sei allgemein mehr Personal für die Kinderbetreuung nötig.

Durch das Gute-Kita-Gesetz von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), das mit Jahresbeginn in Kraft getreten ist, sollen die Länder bis 2022 rund 5,5 Milliarden Euro vom Bund erhalten. Wie sie das Geld für die Kitas einsetzen, bleibt den Ländern überlassen. Es können beispielsweise mehr Erzieher eingestellt werden. 

Es herrschen bundesweit große Unterschiede bei den Standards in Kitas, auch weil Bildung eigentlich Ländersache ist. Kritik gibt es an der Befristung des Gesetzes. Die Opposition verlangt eine nachhaltige Finanzierung. Die Förderung sei zeitlich begrenzt, sagt auch Schuster. Dabei sei jeder Cent in die Bildung von Kindern gut investiert. Giffey versprach ein Engagement des Bundes über 2022 hinaus. 

Klischees

Erzieher ist ein Frauenberuf. Dieses Klischee hält sich auch im Jahr 2019 in der Gesellschaft und sollte nicht an Kinder weitergetragen werden. „Kinder in Kindertageseinrichtungen, in denen nur Frauen beschäftigt sind, nehmen wahr und lernen, dass Erziehung, Betreuung und Bildung – also alles, was „sich kümmern“ bedeutet – Frauenarbeit ist“, sagt ein Sprecher des Bundesfamilienministeriums. 

Dabei sind weibliche und männliche Bezugspersonen und Vorbilder für die Entwicklung eines Kindes wichtig. Kinder würden so Werte wie Respekt besser erlernen, sagt Heidenreich. Um Geschlechterklischees im Kita-Alltag nicht zu fördern, sollten nicht nur männliche Erzieher als männlich wahrgenommene Aufgaben erledigen, betont Schuster. Darunter sei etwa das Fußballspielen zu verstehen.

Vorurteile

Männliche Erzieher werden teilweise mit Vorurteilen konfrontiert, auch wegen Berichten über Missbrauchsfälle. „Es dürfen nicht alle Erzieher unter Generalverdacht gestellt werden“, sagt Schuster. Auch in ihrer Kita habe es einmal ein Elternpaar gegeben, das sich erkundigt habe, ob ein Mann ihr Kind wickeln würde. Solche Sorgen müssten ernst genommen werden. In Gesprächen sollte Eltern aber verdeutlicht werden, dass es keinen Grund zur Sorge gebe. 

Einblick in den Arbeitsalltag eines Erziehers

Patrick Heidenreich schlüpft für einen Moment in die Rolle von Fabian Francesco. Er sitzt auf einem kleinen Stuhl und hat eine Liste mit Namen vor sich. Mit verstellter Stimme überprüft der 27-Jährige, wer aus der Gelben Gruppe alles im Morgenkreis sitzt. Die Kinder lachen, manche stehen auf und laufen zu Fabian Francesco, einer Handpuppe, die sie selber so genannt haben. Die Handpuppe, betont Heidenreich, ist „mein Ding“. Sie sei für die Kinder wie ein vertrauter Freund. 

Heidenreich arbeitet als Erzieher in der Kindertagesstätte Regenbogen in Ziegenhain. Damit ist er einer der wenigen Männer, die sich für den Beruf entschieden haben. Erzieher werde immer noch „als Frauenberuf“ wahrgenommen, erklärt Heidenreich. 

Der 27-Jährige aus Ziegenhain hat sich bereits früh für die Arbeit mit Kindern entschieden. Erst hatte er eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger in der Kinderklinik in Kassel begonnen. „Das habe ich emotional nicht geschafft“, sagt Heidenreich. Er hätte Berufliches und Privates nicht trennen können. 

Erzieher Patrick Heidenreich mit der Handpuppe Fabian Francesco beim Morgenkreis in der Kita Regenbogen in Ziegenhain.

Er entschied sich schließlich für den Job als Erzieher, verkürzte die Ausbildung und arbeitet mittlerweile seit rund vier Jahren in der Kita Regenbogen. In der Gelben Gruppe betreut er gemeinsam mit einer Erzieherin 22 Kinder. Unterstützt werden sie derzeit von zwei Praktikantinnen. 

Dabei sind männliche Bezugspersonen in Kitas und Kindergärten für Jungen und Mädchen wichtig. „Jedes Kind braucht eine männliche und weibliche Rolle“, sagt Kita-Leiterin Renate Schuster. Dies sei für die Entwicklung der Kinder wichtig. Seit Oktober vergangenen Jahres arbeitet neben Heidenreich ein weiterer Erzieher in der Ziegenhainer Kita, allerdings zunächst mit einem befristeten Vertrag. 

Der Morgenkreis ist nur eine von vielen Aufgaben von Heidenreich. An diesem Morgen spielt er unter anderem Memory und hilft Kindern beim Anziehen. Das ist nur ein kleiner Teil seines Alltags. „Erzieher sind Multitalente“, sagt Schuster. Neben der gezielten Förderung der Kinder würden etwa die Planung, Dokumentation, Organisation und Elternberatung zu den Aufgaben eines Erziehers gehören. 

Heidenreich sagt, dass er für sich genau den richtigen Beruf gefunden habe. „Die Kinder geben einem viel zurück“, sagt der Hobbysänger. „Ich bin mit Herz dabei und gehe in dem Job total auf.“ Sei es in seiner Rolle als Erzieher oder als Fabian Francesco.

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