Pionier baute die Löffelfabrik auf

Geschichte der Familie Seibel: 60 Jahre Top-Design aus Ziegenhain

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Das Modell 500: Es wurde im Schwälmer Heimatkalender 1958 gezeigt. Repro: YSS

International gefeiertes Designer-Besteck mit dem Namen Mono A wurde vor gut 60 Jahren erstmals in Ziegenhain hergestellt, entworfen wurde es in Kassel.

Der Gebersdorfer Tagelöhner Johannes Seibel hatte sicherlich nie daran gedacht, dass sein Sohn und dessen Nachkommen einmal erfolgreiche Unternehmer werden würden. Am 13. Juli 1843 gegen 8 Uhr abends erblickte Wilhelm Karl Seibel im Haus Nummer 7 das Licht der Welt, wo die Familie Seibel in einfachen Verhältnissen lebte.

Der Berufsstand von Vater Johannes war bei der Geburt des Sohnes noch als Tagelöhner eingetragen, erst als Johannes starb, trug der örtliche Pfarrer die Bezeichnung Handelsmann ein. Wilhelm Seibels Mutter, Marta Elisabeth Rumpf, stammte ebenfalls aus Gebersdorf, hatte aber verwandtschaftliche Beziehungen nach Wernswig und Homberg. Wilhelms Pate war Wilhelm Karl Wolf, der sich mit viel Fleiß zum Handelsmann in Homberg hochgearbeitet hatte.

Die Schwalm konnte einem jungen, aufstrebenden Mann Mitte des 19. Jahrhunderts nicht viel bieten

...und so entschloss sich Wilhelm Seibel, sein Glück in der Fremde zu suchen. Er wanderte allerdings nicht wie viele andere nach Amerika aus, sondern zog gen Westen nach Westfalen, wo sich im Zuge der Industrialisierung viele neue Gewerbezweige angesiedelt hatten, darunter auch Britannia-Metallwarenfabriken.

Britanniametall stammte ursprünglich aus England und war Zinn mit einer Legierung aus Kupfer, Nickel, Blei und Bismut-Anteilen. Härter als Zinn eignete sich die neue Mischung hervorragend zum Galvanisieren und Polieren. Seibel fand schnell eine Anstellung und arbeitete 15 Jahre für Friedrich Burbergs Metallwarenfabrik in Mettmann, einem Ort zwischen Düsseldorf und Wuppertal gelegen.

Ziegenhainer Löffelfabrik vor dem Ersten Weltkrieg gebaut

Mit knapp 50 Jahren machte sich Seibel dann mit der Mettmanner Metallwarenfabrik selbstständig. Als Firmenlogo verwendete er ein vierblättriges Kleeblatt und noch vor dem Ersten Weltkrieg, 1911, gründete er in Ziegenhain in der alten Heimat ein Zweigwerk, die im Volksmund bekannte „Löffelfabrik“.

Im Seibel-Maschinenhaus wurde Strom erzeugt für die galvanischen Bäder.

Als Grundstück wurde ein Gelände nahe dem Südbahnhof gekauft und schon wenige Monate später stand die erste Fabrikhalle. Da Seibel tagsüber viel Strom für die galvanischen Bäder brauchte, um die Bestecke zu verchromen, errichtete er 1919 ein Maschinenhaus, wo unter anderem auch Gleichstrom hergestellt wurde. Den überschüssigen Nachtstrom verkaufte er weiter nach Ziegenhain, Ascherode und Niedergrenzebach. Erst Ende der 1950er Jahre kaufte die EAM das Seibelsche Netzwerk. Mittlerweile hatte Wilhelm Seibel seinen Betrieb an die Söhne Heinrich (*1885) und Alfred (*1888) übergeben. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung der 1930er Jahre arbeiteten über 200 Menschen in den Hessischen Metallwerken Ziegenhain (HMZ), die Firma war auf allen bedeutenden Messen vertreten.

Ein Leben im Luxus

Seibel unterstützte auch Zulieferbetriebe in Ziegenhain. So unterhielten sie ein Gespann mit zwei Rappen, die zum Kohleholen eingesetzt wurden oder die Kartonage für die fertige Ware bei der ortsansässigen Firma Wilhelm Korell in der Landgraf-Philipp Straße holten. Dort stellte Korell die Verpackungen her, die dann auf langen Holzrutschen aus der zweiten Etage zur Straße glitten.

Blick auf die Seibel-Villa an der Festungsstraße in Ziegenhain.

Die Villa Seibel wurde direkt neben der Schwalm errichtet und hatte ein doppelstöckiges Gartenhaus, Gewächshäuser und ein Schwimmbad. Ein Chauffeur in Dienstuniform und ein großer BMW gehörten ebenso wie die Jagdhütte bei Seigertshausen und ein Gärtner zu Seibels.

Ziegenhainer Unternehmer arrangierte sich früh mit Nazi-Regime

Schon Mitte der Dreißigerjahre arrangierte man sich mit dem Nazi-Regime und erhielt mehrmals das Gaudiplom für hervorragende Leistungen. Kameradschaftsfeiern mit Werkschoir und Kapelle sorgten bei diesen Gelegenheiten für ausreichend Unterhaltung. Während des Krieges stellte man die Produktion auf „Krieg“ um und fertigte für Heer, Luftwaffe und Marine.

Mit Einzug der Amerikaner in Ziegenhain musste die Familie Heinrich Seibel mit ihren sechs Kindern die Villa räumen und in das massive Gartenhaus ziehe; jedoch blieb der Firma Seibel das Schicksal des benachbarten Junkers Henschel Flugzeugbau erspart. Dort wurden nämlich die Werkhallen und das Inventar von einer russischen Kommission beschlagnahmt und über den Südbahnhof nach Osten abtransportiert.

Das Modell 500: Es wurde im Schwälmer Heimatkalender 1958 gezeigt. Repro: YSS

Seibel konnte bereits im Sommer 1945 wieder den Betrieb aufnehmen. Der wirtschaftliche Aufschwung dauerte allerdings nicht allzu lange an, nach dem Krieg drängten ausländische Konkurrenten auf den Besteckmarkt. Um dem entgegenzuwirken, wurde 1957 das Modell 500, ein „neuzeitliches Besteck in Zwischengröße“, auf der Hannover Messe vorgestellt und dort mit dem Sonderpreis formschöner Industrieerzeugnisse ausgezeichnet. Von dem Erfolg in Hannover ermutigt und um neue Impulse zu setzen, kontaktierte Junior Herbert Seibel die damalige Kasseler Kunsthochschule. Heraus kam 1959 ein völlig neues Design: Mono A, ein aus einem Stück gefertigtes Teil, das mit seiner Gestalt den Besteckmarkt revolutionierte. Designer war Peter Raacke (*1928).

Folgte auf die Serie Mono A: Mono Ring. Peter Raacke hatte den radikal modernen Entwurf Ende der Fünfzigerjahre für die Seibels hergeste llt, es wird noch immer produziert. Fotos: Simone DE SANTIAGO RAMOS

Löffel-Fertigung 1985 in der Schwalm eingestellt

Aber trotz des anfänglichen Erfolgs von Mono konnte die Firma Seibel, nun unter der Leitung von Herbert Seibel, den allgemeinen wirtschaftlichen Abstieg nicht verhindern. Die Fertigung von Bestecken wurde 1985 in der Schwalm komplett eingestellt, das Werksgelände und Grundstücke verkauft und die Produktion nach Mettmann unter dem Namen „mono-Metallwarenfabrik Mettmann“ verlegt, wo Nachkommen von Wilhelm Karl Seibel (Foto oben) die Firma weiterhin leiten.

Mit den Mono-Serien wurde Design-Geschichte geschrieben

Die Serie Mono, aus Edelstahl gefertigte Gegenstände, wurde von Designer Peter Raacke entworfen. Es gab und gibt neben der Mono Edelstahlserie Produkte mit Edelholzgriffen, gefolgt von dem berühmten Mono Ring. Auch Kinderbestecke und andere Haushaltsgegenstände wurden unter dem Logo Mono vertrieben. Mit der Mono-Serie erhielt die Firma Seibel nationale und internationale Auszeichnungen, den Bundespreis Gute Form 1973 und ist gleich in drei der bedeutendsten Museen in New York City vertreten, dem Metropolitan Museum of Art, dem MoMa und im Cooper Hewitt Museum sowie im Philadelphia Museum of Art. Die Briefmarken-Reihe „Design in Deutschland“ ehrte Mono.

VON SIMONE DE SANTIAGO RAMOS

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