Interview mit Prof. Dr. Andreas Mann 

Wirtschaftswissenschaftler über Schuh-Rohde: Produktion muss billig sein

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Einst Weltmarke: An die Premiumstellung von Schuh-Rohde in der Schuhbranche erinnert im französischen Mulhouse noch das Schild an einer Passage. 

Ziegenhain. Nach der zweiten Insolvenz innerhalb von zehn Jahren wurde der Ziegenhainer Schuhhersteller Rohde erneut verkauft. Es bleiben nur noch 50 Mitarbeiter übrig. Wir sprachen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Mann über die Situation von Schuh-Rohde.

Kennen Sie das Land Transnistrien? 

Andreas Mann: Nein, das kenne ich nicht.

2012 verlegte Schuh-Rohde seine Produktion in diesen nicht anerkannten Staat. Ist so etwas empfehlenswert? 

Mann: In vielen industriellen Branchen, insbesondere der Bekleidungs- und Schuhindustrie, ist es durchaus üblich, die Produktion in Länder mit geringen Faktorkosten zu verlagern. Selbst international sehr bekannte Marken mit einem ausgeprägten Qualitätsimage lassen ihre Schuhe und Textilien in Ländern produzieren, die zwar als souveräne Staaten anerkannt sind, aber vor allem geringe Arbeitslöhne und oft schlechtere Arbeitsbedingungen vorweisen als westliche Industrieländer. 

Innerhalb der vergangenen zehn Jahre verzeichnet Schuh-Rohde drei Übernahmen. Jeder Übernahme folgten Entlassungswellen. Von den einst 1000 Mitarbeitern in Ziegenhain sind jetzt 50 übrig geblieben. Rettungen sehen anders aus, oder? 

Mann: Unternehmen, die andere aufkaufen, verfolgen zumeist dadurch das Ziel, ihr sogenanntes Portfolio, also die Gesamtheit ihrer Geschäftsfelder, auf denen sie tätig sind, zu optimieren. Das kann auch bedeuten, dass man beispielsweise ein Unternehmen kauft, nur weil man dessen Kundenstamm oder Markenname beziehungsweise Patente braucht.

Es heißt, mit neun Millionen Euro sei Rohde 2007 in die erste Insolvenz gegangen, bei der jüngsten waren es gerade mal 15 000 Euro. Zudem gab es nach der ersten Insolvenz einen Fünf-Millionen-Kredit mit einer Landesbürgschaft. Liegt es nicht nahe, dass man das Unternehmen systematisch ausbluten ließ? 

Mann: Bei jedem Unternehmensverkauf erfolgt fast zwangsläufig eine „Rosinenpickerei“, durch das akquirierende Unternehmen, das – wie erwähnt – oft nur an den immateriellen Werten, wie zum Beispiel den Markennamen, interessiert sind. Viele materielle Wertgegenstände, wie zum Beispiel Maschinen und Anlagen, werden weiterverkauft, sodass der Wert der materiellen Vermögenswerte eines Unternehmens mit jedem Verkauf sinkt.

Angeblich produziert die Inblu-Gruppe Schuhe im niedrigen Preissegment. Rohde soll die Premium-Marke werden. Welchen Wert könnte die einstige Weltmarke Rohde für die Gruppe haben? 

Mann: Das ist schwer zu beziffern und hängt im Wesentlichen davon ab, welche Bekanntheit und welches Image die Marke in den von der Inblu-Gruppe anvisierten Kundengruppen hat, und inwiefern es hierdurch möglich ist, die Schuhe zu hohen Preisen und mit hohen Gewinnmargen zu verkaufen.

Die 50 verbliebenen Mitarbeiter sollen unter anderem mit Entwicklung, Design, Vertrieb und Buchhaltung beschäftigt sein. Aktuell sind sie dabei, Fenster zu putzen, Unkraut zu jäten und Möbel zu räumen. Welche Zukunft sehen Sie für Schuh-Rohde in Ziegenhain? 

Mann: Die Zukunft des Unternehmens hängt unweigerlich von den konkreten Plänen des neuen Investors zur Etablierung der „Premium-Marke“ ab. Auch das Premiumsegment im globalen Schuhmarkt ist recht wettbewerbsintensiv, weil das Nachfragevolumen geringer ist als im Massenmarkt, sich aber trotzdem zahlreiche Unternehmen in diesem Markt tummeln, weil hier höhere Gewinnmargen möglich sind. Allerdings ist die Bearbeitung des Massenmarktes mit einem Produktionsstandort in Deutschland auch problematisch, da die Wettbewerber in diesem Marktbereich in Billiglohnländern produzieren lassen und dadurch mit erhebliche Kosten- und Preisvorteilen auftreten werden.

Was ist dann noch möglich? 

Mann: Neben den genannten Funktionsbereichen Entwicklung, Design, Vertrieb und Buchhaltung kann vielleicht noch eine Musterproduktion hinzukommen, vielmehr sehe ich mittelfristig nicht als realistisch an.

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