Ungepflegte Gräber

Unkraut und zerbrochene Grabplatten: Ziegenhainerin ist fassungslos über Zustand des Friedhofs

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Bauschutt: Direkt neben der neuen Grabreihe sieht es um einen hochwurzelnden Baum so aus.

Ziegenhain. Schaut sich Christa Broschwitz das Umfeld des Grabes ihres Mannes auf dem Ziegenhainer Friedhof an, fallen ihr dazu nur die Worte „Gleichgültigkeit“ und „unwürdig“ ein.

„Wie sich das Leben in einer Gesellschaft gestaltet, hängt davon ab, wie sie mit ihren Toten umgeht“, meint die 74-Jährige.

Im vergangenen Herbst wurde ihr Mann Martin Broschwitz auf dem Friedhof in Ziegenhain in einem Gräberfeld bestattet, in dem die Ruhefristen der meisten Gräber bereits seit Jahren abgelaufen ist, die allerdings noch nicht eingeebnet sind – und die ganz offensichtlich von Angehörigen seit Jahren auch nicht mehr gepflegt werden.

Ablage auf der Grabplatte: Die Abdeckungen sind teilweise zerbrochen oder dienen als Depot für Überschüssiges.

In Christa Broschwitz macht sich neben der tiefen Trauer um ihren Mann inzwischen auch Fassungslosigkeit breit. Das Grabfeld gleicht zum großen Teil eher einem Trümmerfeld als einem würdevollen Ort zum Trauern. Umgestoßene Putten, Steinplatten auf Gräbern, zerbrochene Grabplatten, Unkraut, geschotterte und bei Nässe verschlammte Zuwegung – das sieht die Ziegenhainerin, wenn sie das Grab ihres Mannes besucht. In unmittelbarer Nähe des Grabes steht ein hochwurzelnder großer Baum. Dessen Baumscheibe wirkt nicht gepflegt. Nein, sie mutet eher an wie ein Ablageplatz für Bauschutt. Eingefasst ist Stelle von Waschbetonplatten, die das Wurzelwerk hochgedrückt haben. Sie sind teilweise zerbrochen, stapeln sich über den Wurzeln. Kulisse für die neue Gräberreihe bildet auch ein Bauwagen, der laut Christa Broschwitz seit Längerem ungenutzt dort rumstehe. „Hätte der nicht auch auf dem Parkplatz abgestellt werden können, anstatt mitten auf dem Friedhof?“, fragt sie sich.

Grabstätte in Baustelle: Christa Broschwitz ist fassungslos über den Zustand des Gräberfeldes auf dem Ziegenhainer Friedhof, in dem ihr Mann Martin Broschwitz bestattet wurde. Im Hintergrund der Bauwagen, der gar nicht genutzt wurde. Fotos: Grede

Vollkommen schockiert war die Ziegenhainerin erst kürzlich, als sie beim Lockern der frisch aufgeschütteten Erde mehrere Skelettteile fand. Plötzlich habe sie einen großen Beinknochen und mehrere Wirbelfragmente in der Hand gehabt, erzählt sie. Inzwischen habe sie Angst in der Erde zu arbeiten: „Womöglich finde ich einen Schädel“. 

Warum sind Gräber, deren Ruhefrist bereits vor sechs Jahren abgelaufen ist, noch nicht eingeebnet?

Stefan Pinhard: Die Stadt Schwalmstadt duldet solche Gräber auch über den Ablauf der 30-jährigen Ruhezeit, wenn sie von den Angehörigen gepflegt werden. Sollte die Stadt allerdings diese Flächen für eine Wiederbelegung benötigen, werden alle Gräber, an denen die Ruhefristen abgelaufen sind, eingeebnet.

In abgelaufenen Grabfeldern, die noch nicht eingeebnet wurden, werden bereits neue Gräber angelegt. Muss das sein?

Pinhard: Vermutlich meinen Sie das Gräberfeld „D“, in dem Einzelgräber neu vergeben werden. Da wir auf dem Friedhof Ziegenhain nur begrenzte Flächen für Wiederbelegung zur Verfügung haben, müssen wir abschnittsweise in bereits belegten Gräberfeldern Reihen neu belegen. Nach und nach werden wir in diesem Feld „D“ die Einzelgräber, an denen die Ruhefrist abgelaufen ist, abräumen. Dass Gräber ungepflegt sind, liegt nicht an der Friedhofsverwaltung, sondern vielmehr daran, dass die Angehörigen ihre Sorgepflicht nicht wahrnehmen. Wir bemühen uns, zeitnah die Angehörigen über den Pflegezustand zu informieren. Allerdings sind nicht immer Angehörige gleich zu ermitteln, sodass manche Gräber über einen längeren Zeitraum ungepflegt sind. Sollten keine Angehörigen ermittelt werden, erfolgt eine amtliche Bekanntmachung in Ihrer Zeitung. Erst dann darf die Friedhofsverwaltung weitere Maßnahmen ergreifen.

Warum muss über längere Zeit ein Bauwagen (der nicht genutzt wird) auf dem Friedhof in Ziegenhain abgestellt werden?

Pinhard: Witterungsbedingt verzögerten sich die Arbeiten auf dem Ziegenhainer Friedhofsgelände, daher war der Bauwagen dort auch über einen längeren Zeitraum abgestellt.

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