75 Jahre STALAG IXA: Bis zu 11.000 Kriegsgefangene waren im Lager

Der berühmteste Gefangene: Die Baracke in Trutzhain, in der Francois Mitterrand unter gebracht war. Der spätere französische Staatspräsident war Redakteur der Lagerzeitung und Dozent an der Lageruniversität. Fotos : Schittelkopp1 /privat1

Trutzhain. Während die große Mehrzahl der Gefangenen, verteilt auf über 3000 Arbeitskommandos, außerhalb des Lagers arbeitete und wohnte, war das Stalag Ziegenhain mit zeitweilig über 11 000 Gefangenen besetzt, die als Unteroffiziere und Priester nach der Genfer Konvention nicht arbeiten mussten.

Hinzu kamen Arbeitsunfähige, Kranke, Arbeiter in den Werkstätten des Lagers (Küche, Schuhmacherei, Sattlerei, Schmiede, Verwaltung, Brief- und Paketpost) sowie mit Arrest bestrafte Gefangene.

Die westlichen Gefangenen im Lager konnten ein umfangreiches Freizeitangebot nutzen. Hierzu diente eine eigene Freizeitbaracke (nach dem Krieg Gastwirtschaft Josef Appelt, Bauernstube), in der Konzerte und Theateraufführungen stattfanden und die als Lageruniversität diente.

Die Z.U.T (Ziegenhain Université temporaire = zeitweilige Universität Ziegenhain) eröffnete im Oktober 1941 ihr Kursangebot für 400 Studenten. Unterrichtet wurde in den Fächern Literatur, Philosophie, Pädagogik, Theologie, Psychologie, Kunstgeschichte, Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Physik. Ferner gab es Alphabetisierungskurse für Soldaten aus den Kolonien. Die Kurse wurden später von französischen Universitäten anerkannt und beim Studium angerechnet. Unterstützt wurde der Lehrbetrieb durch eine Bibliothek, die 38 000 Bände umfasste.

Eine Lagerzeitung „L´Ephemere“ (= vergänglich, kurzlebig), deren Redakteur Ziegenhains berühmtester Gefangener war, der spätere Staatspräsident Francois Mitterrand, informierte über die verschiedenen Aktivitäten und Ereignisse im Lager und den Kommandos. „Sie war das Band zwischen uns Zerstreuten in ganz Hessen“, urteilt der ehemalige Gefangene Marcel Marivin.

Neben den kulturellen Veranstaltungen wie Theater, Kino und Vorträge spielte der Sport eine große Rolle. Man konnte sich mit Boulespiel, Fechten, Tischtennis, Boxen, Volleyball und Fußball die Eintönigkeit vertreiben. Alle Maßnahmen, die von der Lagerleitung unterstützt wurden, dienten der Vorbeugung des Lagerkollers und einer verbesserten Außendarstellung des NS-Regimes und sollten letztlich die Angst vor der Gefangenschaft mindern und somit wehrkraftzersetzend wirken.

Dass die Gefangenen sich dennoch in militärischem Gewahrsam befanden, zeigt folgender Vorfall, den Marcel Marivin berichtet. „Am 14. Juli 1941 endete ein Fußballspiel sehr tragisch. Ein Fußballspieler geriet in der Hitze des Gefechts einen Meter hinter den Stacheldraht, um einen ins Aus gerollten Ball zu holen. Infolge eines brutalen, perversen Befehls schoss der Wachposten vom nördlichen Wachturm auf den Fußballspieler und verwundete unseren Kameraden schwer.“

Insgesamt lag die Sterblichkeit bei den Franzosen unter vier Prozent. Übergriffe des Wachpersonals, schlecht versorgte Krankheiten, Arbeitsunfälle in den Kommandos, Selbstmord und Erschießung auf der Flucht waren die Gründe.

Von Bernd Lindenthal

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