Stalag IX A: Gefangenenbetreuung gegen Lagerkoller

Ziegenhainer mit Uni und Theater

Maske aus einem Nachlass: Der Chef (Prof).
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Maske aus einem Nachlass: Der Chef (Prof).

Bis heute erhält die Gedenkstätte und Museum Trutzhain Anfragen von Angehörigen des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag IX A Ziegenhain. Wenn aus dem Kontakt ein Besuch erwächst, bringen die Verwandten oft Dinge aus dem Nachlass von Verstorbenen mit, die den Sammlungsbestand bereichern.

Trutzhain. So übergab eines Tages die Tochter des französischen Kriegsgefangenen René Huc 13 Handspielpuppen, zehn bemalte Pappmaché-Masken, Briefe, Fotografien und gezeichnete Originalentwürfe für Bühnenbilder und Kostüme in die Obhut des Museums. Mit Hilfe dieses einzigartigen Materials und weiterer aufwändiger Recherchen konnte die Gedenkstättenleiterin, Karin Brandes, nunmehr die Geschichte des Ziegenhainer Lagertheaters „Groupe Artistique Ziegenhain“ (GAZ) weitgehend klären und in einem hochwertigen Katalog der Öffentlichkeit vorstellen.

René Huc, geb. am 5. Januar 1913 in Lyon, geriet im Mai 1940 in deutsche Gefangenschaft und kam in das Stalag IX A Ziegenhain. Aus dem Material ergibt sich, dass er als Schauspieler und Regisseur eine bedeutende Rolle im Ensemble inne hatte. 1943 wurde er einem Arbeitskommando in Gießen zugeteilt und musste in der Möbelfabrik Karl Hahn und im dortigen Theater arbeiten. Er starb 1972.

Die 13 Handpuppen wurden im Lager für das Stück „Cyrano-Guignol de Bergeraque“ gefertigt, das am 11. April 1942 in der Freizeitbaracke der französischen Gefangenen uraufgeführt wurde. Beteiligt war auch das Lagerorchester mit Stücken von Debussy und Schubert. Die Pappmaché-Masken waren für die Aufführung des Stücks „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ kunstvoll hergestellt worden. Die Ausgestaltung der Köpfe orientierte sich eng an den Figuren des 1937 von Walt Disney produzierten Trickfilms „Snow White and the Seven Dewarfs“, der wegen seines großen Erfolgs bereits ein Jahr später auch in Frankreich in die Kinos kam.

Die Materialien wie Kostüme, Requisiten, Texte für Bühnenstücke, Musikinstrumente und Noten erhielten die Künstler, ebenso wie die Bücher für die Lageruniversität „Ziegenhain Université Temporaire“ (Z.U.T.), vom Internationalen Roten Kreuz (IRK), von ihren Familien, von der mit den Deutschen kollaborierenden Vichy-Regierung unter dem Verdun-Helden Pétain und von der deutschen Lagerleitung.

Für die westlichen Gefangenen waren die kulturellen Angebote eine willkommene Entlastung in einer Extremsituation zwischen Fluchtgedanken, Ungewissheit und Lagerkoller, zum Teil auch, sofern sie an der Z.U.T. eingeschrieben waren, eine Vorbereitung auf das spätere zivile Leben. Zudem wollte man Pétain bei der Stange halten und die französische Öffentlichkeit über das Befinden ihrer Soldaten beruhigen. Diese Ziele traten umso mehr in den Hintergrund, je stärker der unersättliche Arbeitskräftebedarf der Hitlerschen Zerstörungsherrschaft den kulturellen Bereich ausdünnte.

Gespielt wurden im Lager auch historische sowie moderne Dramen und Komödien und selbst verfasste Werke. Ein solches war das Stück „Guefanguenos“ von 1941, das der Autor in der Zeit des Trojanischen Krieges spielen ließ. Ein tapferer Gefangener flieht aus Troja zurück nach Mykene, das vom Feind besetzt ist. Dort macht ein „falscher Bruder“ Geschäfte mit dem Feind. Der Krieger kämpft mit Erfolg dagegen an. Die Anspielung auf die mit den Deutschen kooperierende Vichy-Regierung in Frankreichs ist deutlich und zeigt, dass viele französische Kriegsgefangene die Politik Pétains ablehnten.

Der Katalog in DIN A 4 Format kann in der Gedenkstätte käuflich erworben werden. (Bernd Lindenthal)

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